Lange ist es her. Ich erinnere mich noch daran, dass ich als Kind unheimlich oft eine immer gleiche Meinung über Astrid Lindgren gelesen habe. Es hieß, sie sei in der Lage, auch in ihrem stolzen und ehrwürdigen Alter noch immer mit den Augen eines Kindes zu sehen. Als Kind fand ich diese Beschreibung nicht besonders außergewöhnlich. Allerdings ließ sie mich auch etwas stutzen. Denn offenbar schien eben dies für viele – wenn nicht sogar die meisten – Erwachsenen ein echtes Problem zu sein. Sonst würde wohl kaum die Notwendigkeit bestehen, dieses Charakteristikum einer Kinderbuchautorin herauszustellen. Ich erinnere mich, dass ich Angst hatte, eines Tages – als Erwachsener – den Blick eines Kindes zu verlieren.
Es ist eine seltsame Erfahrung, wenn all die Geheimnisse, die Welten der Kindheit, irgendwann unwichtig werden. Wenn die weltlichen Probleme anstehen, bleibt oft keine Zeit mehr für Phantasien und den Aufenthalt in Welten des Traumes. Ich vermisse diese Welten – all jene, die ich in meinen Jahren als Kind in meinem Geist erschaffen habe – bisweilen sehr. Himmelreiche, Helden, Abenteuer. Wundervolle Landschaften, Witz und Wahnsinn. Ich könnte Bücher darüber schreiben. Und wenn ich ehrlich bin, würde mir das sogar riesengroßen Spaß machen, diese Welten aufleben zu lassen. Ihnen wieder Leben zu verleihen.
Mir wird aber noch etwas ganz anderes klar.
Wie gesagt, frage ich mich oft, welche Welten meine Tochter sich wohl gerade erschafft, wenn sie still und für sich – leise und fröhlich eine selbst erdachte Melodie summend ein kleines Schiffchen auf dem Wasser schwimmen lässt. Welch wundervolle Farben, welche Geheimnisse sieht sie?
Ich frage mich das, weil ich in meiner Kindheit bei aller Unruhe mit einer Sache in meinen Augen sehr viel Glück hatte: meine Eltern haben mich und meine Welten stets ernst genommen. Sie waren viele Jahre darin bemüht, die Magie so lange wie möglich für mich aufrecht zu erhalten. Es gab immer noch eine unbekannte Wahrheit hinter dem Sichtbaren. Überall waren Geheimnisse, die darauf warteten, eines Tages von mir entdeckt zu werden. Wenn bei mir Raumschiffe durch das Zimmer flogen und Laser aufblitzen oder Armeen aus Rittern und Magiern sich in gewaltigen Tälern einer unvorstellbaren Landschaft beweisen mussten, hatten meine Eltern immer Respekt vor diesen Welten. Sie konnten sie nicht sehen, aber sie gaben mir niemals das Gefühl, sie würden nicht existieren. Sie hörten mir interessiert zu, wenn es in meinen Welten Neues gab, unvorhergesehenes passiert war oder ich einfach von Schönheit oder Abenteuern berichten wollte, die mein Geist gesehen hatte.
Ich sehe nicht, was meine Tochter sieht. Aber ich habe großen Respekt vor ihren Welten. Die Erwachsenen – und das ist alleine meine Meinung – sollten sich mehr Zeit nehmen, ihre Kinder und ihre Phantasien zu schätzen. Das Interesse an der unstillbaren Quelle der Kreativität eines Kindes darf nicht versiegen. Und es erfüllt mich mit Glück und großer Freude, wenn ich einen kleinen Menschen sehe, der, erst seit kurzem auf dieser Welt, diese schon mit seinen Wundern füllt. :)