Man darf sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, in welcher Position sich der Mensch heute befindet. Auf diesem Planeten – seinem natürlichen Lebensraum.

Vor vielen Jahren habe ich aus persönlichem Interesse einmal begonnen, mich auf die Suche zu begeben nach tief in uns verankerten Schlüsselreizen. Nach Bildern, nach Erinnerungen, nach Reflexen, nach Dingen, die unmöglich erlernt worden, sondern vielmehr ungleich viel älter sind. Nach Schlüsselreizen, die uns ängstigen. Nach Schlüsselreizen für „das Böse“. Ich finde es interessant, dass schon kleine Kinder, die böse Gesichter malen, eine besondere Form der Augenstellung wählen. Monster gucken böse. Gut gezeichnet lösen sie tatsächlich etwas aus. Angst. Verteidigungsreflex. Fluchtreflex. Feindliche Gefühle. Dinge, die unserem Schutz, unserem Überleben dienen. Tief verankert in uns und aus archaischer Urzeit. Aus einer Zeit, als diese „Feinde“ noch tatsächliche Feinde waren. Als sie noch eine Bedrohung waren.

Die Reize sind noch immer irgendwo in unserem Gehirn untergebracht. Doch für den Großteil der Menschheit ist diese Bedrohung längst Geschichte. Wir sind heute in der bezeichnenden Situation, den Luxus zu haben, uns dieses „Böse“ anzuschauen. Die Schönheit darin zu sehen. Würde ein Urmensch beobachten, mit welcher Hingabe, mit welcher Schwärmerei heutige Menschen wilde Raubkatzen betrachten. Er würde wohl kaum nachvollziehen, wie wir ihre tatsächliche Schönheit bewundern können. Ihre Anmut, ihren Instinkt, ihre wilde Natürlichkeit. Er würde wohl alles tun, sich vor ihr zu schützen – würde sie vielleicht töten wollen.

Der Mensch ist heute der Herrscher. Nichts auf diesem Planeten könnte ihn noch bedrohen. Der Mensch hat seine natürlichen Feinde längst bezwungen. Jedes(!) Lebewesen auf dieser Welt lebt durch die Gnade unserer Art. Inzwischen sind wir sogar soweit, unseren eigenen „Siegeszug“ der absoluten Dominanz einzubremsen. Die Menschheit ist für das endgültige Ende so vieler Gattungen verantwortlich. Und sie ist sich dessen sogar bewusst. Rein evolutionär gedacht sind wir in einer Post-Dominanz-Ära angelangt. Die Menschheit ist so weit, dass sie über ihre Dominanz hinausgewachsen ist, dass sie den Wert der Vielfalt zu erkennen beginnt. Sie hat die Macht und die unglaubliche Position, über jedes andere Leben urteilen zu können. Wenn wir wollten, könnten wir sogar auf einen Schlag innerhalb von Minuten das gesamte Leben auf diesem Planeten vernichten. Genauso können wir uns entscheiden, die Existenz einzelner Arten zu beschützen. Wir haben die Kontrolle.

Aber diese Dominanz, diese absolute Herrschaft ist trügerisch. Entstanden, geboren und entwickelt in einem Habitat mit seinen ganz eigenen Regeln hat der Mensch sich längst über alle diese Regeln der Natur hinweggesetzt, sie überwunden und schon vor langer Zeit damit begonnen, sie für sich selbst, für die eigenen Interessen neu zu schreiben. Doch verglichen mit der unglaublich großen Zeitspanne, die es gebraucht hat, um diese Regeln auszubilden, ist die Zeit, seit der die Menschen diese Regeln in Händen halten, verschwindend winzig. Und doch scheint es, dass wir in dieser kurzen Zeit diesem Habitat gewaltigen Schaden zugefügt haben.

Der Mensch besitzt die absolute Dominanz, die absolute Herrschaft über diesen Planeten – seinen Planeten. Den Planeten, den er nahezu restlos erobert hat. Aber er kann damit nicht umgehen, weil er die Mechanismen nicht vollständig versteht. Als gäbe man einem Kind die Gewalt über einen Staat. Es könnte jedes Gesetz ändern, jede Strafe aussprechen, jedes Privileg vergeben. Das Ergebnis wäre sicher kein Gutes. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Unwissenheit. Zu viel Macht ist schädlich. Macht in Händen derer, die damit nicht umgehen können. Ohne Verurteilung, ohne Vorwurf – einfach als Tatsache.

Diese Dominanz verleitet nur allzu schnell zu Arroganz. Der Mensch ist jeder anderen Art auf diesem Planeten restlos überlegen. Trotzdem sollte er sich nicht mit dem Erschaffer dieser Welt verwechseln – wer oder was immer das sein mag, und wenn es nur der Zufall war. Die Natur hat sich über die Jahrmillionen ein Gleichgewicht erarbeitet. Ein System, das sich trotz regelmäßiger Katastrophen und erheblicher Schwankungen immer wieder selbst reguliert. Der Beweis dafür ist, dass es das Leben noch immer gibt. Doch nach Meteoriteneinschlägen, Sonneneruptionen, Erdbeben und Eiszeiten ist die erste wirklich ernsthafte Bedrohung für die Existenz des Lebens selbst seine eigene größte Errungenschaft: die Menschheit. Dieser Macht aber eben auch dieser unglaublichen Verantwortung muss der Mensch sich bewusst werden.

Vielleicht ist am Ende selbst der Mensch nur eine weitere von unzähligen Katastrophen für das Leben auf diesem Planeten. Eine Katastrophe, die sich unter Umständen irgendwann in der Zukunft von selbst reguliert, indem sie sich selbst auslöscht. Es liegt in unserer Hand, wie diese Geschichte ausgehen soll. Denn die absolute Dominanz bedeutet eben auch, dass wir selbst entscheiden, wohin unsere Reise geht. Und am Ende sind wir es nur selbst, die entscheiden zwischen unserem Untergang (ob durch den Atomkrieg oder die Vernichtung unserer Lebensgrundlage durch Raubbau an der Natur) oder unserer Weiterentwicklung. Die Voraussetzung für Letzteres ist zweifelsfrei ein wesentlich größerer Respekt für das Wesen unseres Habitats sowie die Erkenntnis, dass wir dieses Habitat zwar dominieren, aber mitnichten an dessen Regeln spielen dürfen (weil wir es nicht können).

Wir selbst haben die Verantwortung dafür. Jeder von uns. Und das muss uns klar werden!