Ich beziehe mich auf diesen Beitrag in der ZEIT, den ich inhaltlich hier kopiert habe, um ihn zitieren zu können:
ZEIT.de

Der bayerische Kabarettist Gerhard Polt bringt es auf den Punkt: Beim Italiener lässt er einen Unverbesserlichen auf zusammengeklaubtem Italienisch bestellen. Das sprachliche Trauerspiel gipfelt in der Order eines Kaiserschmarrens als „Narretia dell’Imperatore“. Die Küche sei schon geschlossen, antwortet daraufhin der Kellner ungerührt – im breitesten Bayerisch. Die kleine Geschichte um die verunglückte sprachliche Anbiederung bringt den verkrampften Umgang der Deutschen mit ihrer eigenen Sprache auf den Punkt.

Deuten Sie das wirklich so? Ich deute es anders: für mich ist das Freude und Begeisterung an fremden Sprachen. Wenn auch in diesem Fall recht typisch bayerisch unbedarft.
Wissen Sie, wie man Dinge versteht, einsortiert und deutet, sagt viel mehr über einen selbst aus, als über denjenigen, den man interpretiert.

Ich jedenfalls störe mich daran, dass in nicht wenigen Berliner Restaurants ausschließlich nur noch auf Englisch bedient wird.

Dann gehen Sie halt nicht mehr dort hin. Wissen Sie, mich stören ganz andere Dinge. Zum Beispiel stört mich, dass Sie sich von großen Konzernen Gesetze vorformulieren lassen, deren Auslegung überaschenderweise selten im Sinne der Allgemeinheit sind. Sie als Politiker müssten aber gerade Letzteres sicherstellen. Und das ist nur ein Beispiel von vielen Dingen, die mich wirklich stören. Wir scheinen da tatsächlich unterschiedliche Prioritäten zu haben. Gut, Sie könnten an dieser Stelle argumentieren, dass ich hier Dinge durcheinanderbringe, deswegen bleibe ich einmal thematisch im Kontext: mich würde ganz bestimmt das dümmliche Gepoltere bei CDU-Stammtischen wahnsinnig machen – meine Lösung ist, dort nicht hinzugehen.

Das betrifft sicher nicht die hauptstädtischen Randbezirke. Aber in vielen zentralen Kiezen, in Mitte, Prenzlauer Berg oder Neukölln greift das Phänomen in den letzten Jahren immer weiter um sich. In Kreuzberg gibt es inzwischen bei „Foodbloggern“ sehr angesagte „Eateries“, die es nicht einmal für nötig befinden, für den Notfall eine deutschsprachige Karte bereitzuhalten.

Gut, über „Eateries“ kann ich auch nicht viel mehr als schmunzeln. Wie über viele andere Dinge auch, die sich so in die junge Lebenswelt einschleichen. Da fällt mir allerdings ein simpler Satz zu ein: „Leben und leben lassen“.

In Paris, wo man auf seine kulturellen Eigenheiten mit Recht sehr stolz ist, wäre so etwas undenkbar.

Falls Sie es nicht gemerkt haben: sie sprechen hier über Berlin, nicht über Paris. Würde man Ihrer Argumentation folgen, müsste man nun mindestens alle Hauptstädte der Welt heranziehen und sich anschauen, was dort wie undenkbar wäre und was nicht. Ich würde sagen, jede Stadt ist eben anders. Und nur, weil Dinge in Paris sind wie sie sind, hat das nicht die allergeringste Implikation für Berlin.

Hier im angesagten Berlin dagegen halten es viele inzwischen für normal. Sie interpretieren es als einen Ausweis kosmopolitischer Kompetenz, sind sogar stolz darauf.

Sind Sie sich sicher, dass es nicht Sie selbst sind, der das so interpretiert und diese Interpretation diesen Leuten unterstellt? Vielleicht mal drüber nachdenken.

Mich aber ärgert es, wenn in Teilen der deutschen Hauptstadt die deutsche Sprache immer weiter ins Hintertreffen gerät.

Ich wittere eine reichlich billige Anbiederung nach rechts. Auch wenn es mich bei Ihnen ehrlich gesagt nicht sonderlich überrascht, muss ich es doch als peinlich durchschaubar monieren.

Besonders skurril wird es, wenn ich mitbekomme, wie sich Gast und Kellner in einer angesagten „Location“ auf Englisch unterhalten – beide aber dabei einen fetten deutschen Akzent erkennen lassen.

Ich wiederhole mich gerne: Leben und leben lassen. Tun die beiden Ihnen weh, wenn sie sich so verhalten? Dann erstellen Sie Anzeige. Ich finde es eigentlich klasse, wenn man sich im Umgang mit einer anderen Sprache übt. Aber das mag ja jeder sehen, wie er will.

Zwei Deutsche, die sich in der deutschen Hauptstadt auf Englisch unterhalten – ist das cool und kosmopolitisch? Oder nicht doch eher peinlich provinziell?

Ich wüsste allerdings tatsächlich überhaupt nicht, wie Sie hier auf „provinziell“ kommen. Was ist das Provinzielle daran? Die englische Sprache?

Das Beispiel macht vor allem auch klar, worum es mir bei der von mir angestoßenen Debatte tatsächlich nicht geht. In einigen Kommentaren ist mein Einwurf als Beitrag zur Integrationsdebatte missverstanden worden. Aber darauf zielt meine Kritik gar nicht ab, jedenfalls nicht im Kern. Im Gegenteil. Es geht mir vor allem um uns Deutsche selbst. Um unser Verhältnis zur eigenen Sprache. Und damit wohl auch ein bisschen um das Verhältnis von uns Deutschen zu uns selbst. Es geht um die anbiedernde Bereitschaft, vorschnell und ohne Not die eigene Muttersprache hintanzustellen – selbst in Situationen, wo das gar nicht nötig wäre.

Werter Herr Spahn, Sie offenbaren viel mehr über Ihre eigene innere Unsicherheit, als Sie denken. Und ich fürchte, dass Ihnen das nicht einmal bewusst ist. Sie haben Angst, vielleicht eine undefinierte Angst – aber deutlich. Was auch erklärt, wie es sein kann, dass Sie als homosexueller Mann ausgerechnet in der CDU gelandet sind. Aber es ist deutlich: Ihre unbestimmte Angst und Ihre Unsicherheit im Leben sind stärker als Ihre Überzeugung für eine Gleichberechtigung sexueller Orientierung. Was so manchen Psychologen sicher auch auf das Thema „Selbsthass“ bringen könnte… aber hier möchte ich mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Ich finde es nur extrem auffällig.

Vor 40 Jahren mag die Beherrschung einer Fremdsprache noch mächtig Eindruck gemacht haben. Heute aber, in einer Zeit, in der viele Kinder in der Schule schon in jungen Jahren mehrere Sprachen lernen und in der immer selbstverständlicher über Sprachgrenzen hinweg kommuniziert wird, ist das bloße Verwenden einer anderen Sprache zur Unzeit für mich durchaus kein Ausweis von Internationalität. Im Gegenteil. Es zeugt eher von provinzieller Selbstverzwergung.

Und noch immer verstehe ich nicht im Geringsten, was das mit Selbstverzwergung zu tun haben könnte. Oder mit provinziell. Wie wäre es mit einer anderen Deutung. Was, wenn es von dem gelebten Zwang zeugt, in einer immer anspruchsvoller werdenden (Arbeits-)Welt Schritt halten zu können. Und in diesem Fall wären Sie als Politiker, der die Lebens- und Arbeitswelt mitformen kann, in der direkten Verantwortung. Auch hier sollten Sie vielleicht mal drüber nachdenken.

Womit ich im Übrigen nichts gegen die Provinz gesagt haben möchte. Bei meinen Besuchen quer durch Deutschland treffe ich viele innovative Unternehmer, deren Habitus von den Berliner Hipstern sicher als provinziell belächelt werden würde. Hier findet man eher solide, mittelständische Betriebe – die dafür aber international extrem erfolgreich sind. Es mag überraschen: Aber es sind diese kleinen Orte in Hessen, im Schwarzwald oder auch in meiner Heimat, dem Münsterland, wo oftmals wirklich kosmopolitisch gedacht, gewirtschaftet und gehandelt wird. Keine Frage: Weltmarktführer – und sei es auch nur in einer Nische – kann nur der werden, der sich eine tiefe Kenntnis fremder Märkte erarbeitet, der sich gut in andere Kulturen einfühlen kann und der es versteht, internationale Bedürfnisse und Wertvorstellungen perfekt zu bedienen. Das alles wird genau hier geleistet, oft auf dem plattesten Land. Wer seine Innovationen international so erfolgreich vermarkten kann, ist nachweislich auf der Höhe der Zeit. Ob die zum Glück boomende Berliner Start-up-Szene ökonomisch irgendwann mal genauso erfolgreich sein wird, muss sich erst noch zeigen. Ich arbeite wie viele andere jeden Tag dafür, dass sich mehr digitale Start-ups in Deutschland und Berlin gründen und erfolgreich wachsen können, denn da liegt ein gutes Stück unserer Zukunft. Und vieles ist da bereits gelungen. Dennoch gilt schon noch, dass sich die wahre Internationalität der deutschen Wirtschaft eher nicht in der Hauptstadt, sondern in der Breite der deutschen Lande findet.

Stammklientel gebauchpinselt. Dafür gibt’s vom Chef sicher ein Fleißkärtchen.

Aber zurück ins hippe Berlin: Die Hauptstadt ist für viele junge Leute heute ein Sehnsuchtsort. Jedes Jahr strömen mehr ausländische Touristen zu uns. Das ist zunächst einmal ein Grund zur Freude. Und selbstverständlich ist es zu begrüßen, dass Besucher aus Kopenhagen oder Belgrad hier während ihres verlängerten Wochenendes auch auf Englisch zurechtkommen. Die Möglichkeit, auf Englisch einen Kaffee oder ein Bier zu bestellen, ist international Standard. Das ist praktisch und gut. Weniger praktisch, weniger gut ist dagegen, wenn man in Berlin mancherorts krachend daran scheitert, denselben simplen Vorgang auch auf Deutsch zu bewerkstelligen. Wie merkwürdig und auch fremd im eigenen Land dürften sich die fühlen, die wie meine Eltern nie Englisch gelernt haben: Sie kommen in ihre Hauptstadt und können sich dort in manchem Restaurant nicht mehr verständigen.

Bedenken Sie doch bitte einmal das Folgende: gerade Sie, als Verfechter einer freien Marktwirtschaft und als zukünftiger Koalitionspartner einer vorgeblich marktliberalen Partei und als Mitglied des Finanzministeriums sollten sich doch vollständig darüber im Klaren sein, dass es für jedes Angebot einen Markt braucht. Und einen Markt gibt es, wenn die Nachfrage stimmt. Daraus kann man ableiten, dass die Nachfrage zu gering ist – auf englisch zu bedienen, reicht offenbar aus. Dies impliziert eine interessante Deutung: es gehen zu wenige Deutsche dort trinken/essen/einkaufen. Woran das liegen könnte, ist nun wieder Interpretationssache. Aber offenbar kommen „die Deutschen“ nicht mehr in die Innenstadt und in die hippen Viertel (was ja schon irgendwie widersinnig ist, weil Sie ja sagten, dass es Sie stört, dass die Deutschen englisch reden… Sie merken vielleicht den Widerspruch). Ich formuliere es um: offenbar kommen die nicht hippen Deutschen offenbar nicht mehr in die Innenstädte. Entweder, weil sie nicht wollen (in diesem Fall wäre Ihre komplette, gesamte Auslassung hier mindestens schon deswegen völlig überflüssig), oder aber, weil sie nicht können. Letzteres könnte durchaus mal hinterfragt werden. Was ist denn, wenn sich die nicht hippen Deutschen oftmals gar nicht mehr leisten können, in die Innenstädte zu gehen um dort zu essen. Was daran liegen könnte, dass sie von ihren Jobs kaum noch leben können. Etwas, wofür Sie als Politiker in Berlin und als Mitgestalter deutscher Lebens- und Arbeitswelten direkt verantwortlich wären. In diesem Fall würden Sie monieren, dass es eine Welt gibt, zu der Menschen keinen Zugang mehr finden, den sie aufgrund Ihrer Politik auch gar nicht mehr anstreben könnten.

Es ist doch absurd: Wir verlangen von Migranten mit Recht, dass sie Deutschkurse absolvieren, um sich zu integrieren. Währenddessen verlegen sich die Großstädte hipsterhaft aufs Englische und schotten sich so von Otto Normalverbraucher ab. In vielen Berliner Kiezen ist so eine bunt schillernde Blase entstanden, in der sich alle betont weltoffen fühlen – dabei wird hier nur eine verschärfte Form des elitär-globalisierten Tourismus gelebt. Alle, die nicht mithalten können bei der Generation easyJet bleiben außen vor. Zum Beispiel diejenigen Deutschen, die des Englischen nicht so mächtig sind. Und kurioserweise auch diejenigen Zuwanderer, die – statt Englisch – mit Mühe die deutsche Sprache erlernt haben.

Ich wiederhole meine Theorie von Angebot und Nachfrage. Aber Ihr Herz für die Zuwanderer kaufe ich Ihnen nicht ab – vielmehr unterstelle ich Ihnen, dass Sie die Zuwanderer hier für Ihre Argumentation missbrauchen. Zumal ich viele Zuwanderer kenne, die sehr viel besseres Englisch sprechen als Deutsch. Ich vermute hier vielmehr rückwärtsgewandte, konservative Reflexhaltung. Ich bin ein großer Fan unserer Sprache, aber die Welt wird sich weiterentwickeln. Und wir retten unsere Sprache nicht, indem wir uns provinziell aufs strikte Deutschreden versteifen. Im Gegenteil wird das Deutsche erhalten bleiben, wenn es sich durch Kreativität und Offenheit einen Platz sichert in einer sich verändernden Welt. Das torpedieren Sie mit Ihrer Haltung.

Um das Phänomen zu durchdringen, ist der Blick in die Geschichte aufschlussreich: Im 18. Jahrhundert wurde an allen europäischen Höfen französisch gesprochen – so zum Beispiel auch am preußischen Hof unter Friedrich dem Großen. Versailles und die französische Kultur galten damals als Maß der Dinge. Die Verwendung der Fremdsprache diente aber auch immer der Distinktion, der bewussten Abgrenzung zu den Unkundigen in den anderen Klassen: Bedienstete, Handwerker und Bauern sprachen kein Französisch. Heute erleben wir in den Biotopen unserer Großstädte eine neue Form dieser höfischen, elitären Kultur. Eine, die die sprachliche Ausgrenzung unter dem Mäntelchen kosmopolitischer Offenheit billigend in Kauf nimmt. In Berlin hat sich so eine völlig neue Form von Parallelgesellschaft entwickelt: Junge Leute aus aller Welt, die unter sich bleiben. Sie bevölkern die coolen Clubs und Restaurants und treffen sich auf den angesagten Vernissagen. Und das nicht nur als Touristen. Viele bleiben für länger, ein Jahr, zwei Jahre, fünf Jahre. Die gemeinsame Sprache in diesen Kreisen, der Kunstwelt, der Start-up-Szene und eben der Szenegastronomie ist Englisch. Viele dieser digitalen Nomaden scheuen die Mühe, die heimische Sprache zu erlernen. Sie wissen ja auch nicht, ob sie ihre Zelte nicht schon nächstes Jahr in Tallinn oder Tel Aviv aufschlagen. Und diejenigen unter ihnen, die tatsächlich tapfer versuchen, im Kontakt mit Einheimischen eine Unterhaltung auf wackligem Deutsch zu beginnen, machen dann garantiert folgende Erfahrung: Der entgegenkommende deutsche Gesprächspartner antwortet automatisch auf Englisch. Oft erzählen mir ausländische Zuwanderer, dass genau das der Grund dafür ist, dass sich ihr Deutsch nie verbessert. Da ist sie wieder, die mangelnde deutsche Selbstverständlichkeit im Umgang mit der eigenen Sprache.

Oder es ist ein Zeichen außergewöhnlicher Gastfreundschaft. Ganz ehrlich, ich ärgere mich oft über Leute in Frankreich, die mich bewusst und süffisant auflaufen lassen, wenn ich etwas bestellen möchte. Mein Französisch ist nicht perfekt. Aber sie könnten mich verstehen – sie wollen aber nicht. Und ehrlich gesagt bin ich sehr froh, dass diese Sprach-Arroganz in Deutschland nicht vorkommt.

Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Alle, die nach Deutschland, nach Berlin kommen, um hier zu arbeiten, sind selbstredend herzlich willkommen. Zuwanderung kann unsere Gesellschaft offener und vielfältiger machen, die Neuberliner bereichern in vielen Fällen die Stadt – übrigens auch mit ihrer mitgebrachten Essenskultur in den vielen neu eröffneten Restaurants. Und auch gilt: Die sprachliche Verarmung ist längst kein rein Berliner Phänomen. Überall in Europas Großstädten findet sich eine Gemeinschaft von Touristen und „Expats“, die dort jeweils auf ihresgleichen trifft. Wenn junge Leute heute auf diese Art nach Lissabon reisen, sind die Chancen größer, eine Schwedin oder einen Amerikaner kennenzulernen als tatsächlich einen Portugiesen. Die neue Globetrotter-Szene trifft sich in Clubs, wo die gleiche Musik gespielt wird wie in Belgrad oder Brüssel. Und in Cafés, die exakt so eingerichtet sind wie die angesagten Läden in London oder Łódź. So werden die kulturellen Unterschiede nivelliert. Nationale und regionale Besonderheiten werden nur noch als interessantes Kuriosum am Rande wahrgenommen. Dabei geht uns viel verloren. Europa bedeutet Vielfalt. Rom, Helsinki, Prag, Athen – überall gibt es reiche lokale Traditionen zu entdecken. Wer aber als Besucher im nächsten Starbucks nur auf seinesgleichen trifft, läuft Gefahr, vieles zu verpassen. Und zwar nicht nur in Clubs und Cafés: Ein wichtiger Aspekt der regionalen Kultur ist die Sprache. In ihr spiegeln sich viele kulturelle Nuancen wider. Auch deshalb bedeutet das Erlernen von Fremdsprachen immer eine große Bereicherung. Die allgegenwärtige Verwendung des Englischen dagegen ist das augenfällige Symptom einer bedauerlichen kulturellen Gleichschaltung. Wenn überall auf der Welt nur noch Englisch gesprochen wird, dann ist es am Ende egal, ob ich mich gerade in Sydney, Barcelona, San Francisco oder Moskau aufhalte. Das allgegenwärtige Englisch mag das Leben vereinfachen, negiert aber viele kulturelle Unterschiede, die sich eben auch in Sprache ausdrücken. Und es zeugt von mangelnder Neugierde, sich mit den Eigenheiten des Gastlandes zu beschäftigen und sich darauf einzulassen. Das ist sprachliche und kulturelle Uniformität statt Vielfalt. Ich persönlich habe da einen anderen Anspruch an mich. Selbst wenn ich ein Land nur zwei Wochen lang besuche, versuche ich wenigstens ein paar Brocken aufzuschnappen und anzuwenden. Schon aus Respekt vor meinem Gastland. Daheim aber, sei es im Münsterland oder auch in Berlin, spreche ich tatsächlich auch gerne mal deutsch. Selbst mit anderen Deutschen. Denn auch wenn mein Englisch ganz okay ist – es gibt Nuancen, die ich nur in meiner Muttersprache befriedigend ausdrücken kann. Und ich denke, da bin ich sicher nicht der Einzige.

„Mangelnde Neugierde“ ist in vielen Fällen eine Fehldeutung von „hohe Hürden“. Das sollten Sie dabei auch niemals vergessen. Ich bin übrigens zu hundert Prozent bei Ihnen, wenn Sie von kultureller Vielfalt sprechen und dem Wunsch, diese zu erhalten. Ich habe beim Lesen des letzten Absatzes gedacht, dass Sie vielleicht ein urdeutsches Restaurant in Berlin Mitte eröffnen sollten. Machen Sie es weltbekannt. „Zum Spahn-Ferkel“ wäre ein hipper Name. Und Sie kommunizieren deutlich, dass Ihre Zielgruppe jedermann ist, vielleicht besonders Touristen, dass Sie aber Bestellungen nur auf Deutsch entgegennehmen. Sie könnten Ihre Speisekarten mit Wörterbüchern bereichern. Auf diese Weise könnten Ihre Gäste sich überlegen, wie Sie bestellen und würden dabei unter anderem sogar etwas über die deutsche Sprache lernen.

Ich würde mich deshalb freuen, wenn wir Deutschen zu einem gelasseneren Umgang mit uns selbst und unserer Sprache finden würden.

Sie könnten damit anfangen, indem Sie zu einem gelasseneren Umgang mit neuen Strömungen und neuen Ideen finden würden. ;)

Deutschland gilt als Land der Dichter und Denker. Deutsch, die Sprache von Goethe und Schiller, von Thomas Mann und Herta Müller gehört zu Recht zu den großen Kultursprachen. Wir sollten unsere Sprache hüten und sie sorgsam pflegen, gerade auch im Alltag.

Gehen Sie doch bitte mal in die suburbanen Gebiete deutscher Großstädte. Oder gehen Sie mal auf Facebook in die Kommentarbereiche. Und dann zeigen Sie mir bitte einmal, wo dort die deutsche Sprache gehütet und gepflegt wird. Ich finde es erschreckend, dass ich Ihnen das sagen muss, da Sie doch Politiker in Berlin sind, der (ich sage es noch einmal) die Lebens- und Arbeitswelt der Bürger mitgestaltet. Denn es ist die Bildung, bei und mit der die Behütung und Pflege unserer Sprache anfängt. Und diese ist erwiesenermaßen in den letzten Dekaden sträflich vernachlässigt worden. Schauen Sie mal, wie gut ein durchschnittlicher Schulabgänger die deutsche Sprache beherrscht.
Deutsch wird nicht von diesen Menschen in die Zukunft dieses Planeten getragen. Und ich habe starke Zweifel daran, dass Sie unserer Sprache einen großen Dienst erweisen, indem Sie über die jungen Leute in unseren Großstädten herziehen, die sich einen Platz in einer sich immer stärker globalisierenden Welt sichern möchten.

Und wir sollten es unterstützen, wenn andere versuchen, zu erlernen und anzuwenden. Ein automatisches Umschalten auf Englisch ist eine intellektuelle Plumpheit, die unsere Gäste unterfordert – und nicht zuletzt auch uns selbst. Umgekehrt sollten wir nicht aufhören, uns auf Reisen zumindest ansatzweise mit der Sprache des Gastlandes auseinanderzusetzen. Auch und gerade, wenn man überall mit Englisch ganz gut durchkommt. Ich muss ja nicht gleich den ganzen Dante im Original lesen können. Aber wenn ich ein Glas Wein auf Italienisch bestellen kann, zeige ich Respekt und Aufgeschlossenheit. Und vielleicht mache ich damit sogar ein bisschen Eindruck. Allerdings wohl nur dann, wenn ich auch tatsächlich gerade in Italien bin. Und nicht in Bayern oder Berlin.

Nun, mein Eindruck in Italien war bisher immer, dass es vielmehr zum Amusement des Gastwirtes beiträgt, wenn ich mein Essen auf italienisch bestellt habe – obschon ich es als vollkommen selbstvertändlich betrachte, dies zu tun. Sie bringen hier aber zwei Dinge durcheinander, die Sie nicht durcheinanderbringen sollten. Für mein persönliches Verständnis ist es tatsächlich eine Frage des Respekts, in einem fremden Land möglichst in der Landessprache zu sprechen, wenn ich etwas haben möchte. Ich empfinde es aber ebenso als sehr respektvoll, wenn man mir dort entgegenkommt. Sei es, indem der Italiener fünfe gerade sein lässt, wenn man eine Vokabel verwechselt (er weiß ja offenbar trotzdem, was gemeint war) oder gar vorschlägt, ins englische zu wechseln. Der französische Habitus, selbst ziemlich gut gesprochenes Französisch stirnrunzelnd zu ignorieren, sobald ein deutscher Akzent erkannt wird, ist mir hingegen sehr zuwider. Und wie ich bereits sagte, bin ich sehr froh, dass es das in Deutschland nicht gibt. Ich finde es sehr respektvoll vor den Gästen unseres Landes, wenn wir bereit sind, Ihnen entgegenzukommen beim Versuch einer Verständigung. Das ist auch eine Sache von Kontaktfreudigkeit. Dem steht eine spröde Unbeweglichkeit gegenüber, die ich aus Ihrem Kommentar hier rauslese.
Aber das von Ihnen angesprochene Phänomen ist noch ein ganz anderes. Denn die englisch-sprechende Hipstergemeinschaft hat mit dieser Art Verständigung überhaupt nichts zu tun. Ich würde hier vielmehr vermuten, dass ein Raum gefüllt wurde, der zur Verfügung stand. Und Sie sagen, dass es dieses Phänomen in allen großen und angesagten Städten der Welt gibt, wieso sollte es also in Berlin anders sein? Und in diesem Fall hat es sogar gar nichts mit der deutschen Sprache oder mit den Deutschen zu tun, was Ihre ganze Argumentation auch sehr widersprüchlich macht.
Es ist mir übrigens auch nicht gelunden, herauszulesen, was Sie sich wünschen, wie es besser oder anders sein sollte. Außer Ihrem Appell, einem Gast nicht mehr auf englisch zu antworten.