Wirklich, ich nehme mir jedes mal vor – und gebe mir ganz ehrlich auch wirklich alle Mühe – auf das Positive im Menschen zu achten. Das Positive eines jeden Mitmenschen. Von der Prämisse ausgehend, dass uns widerfährt, was wir erwarten, dass wir werden, was wir wahrnehmen.
Und nach dieser Annahme in Kombination mit meinen unfreiwilligen empirischen Erfahrungen bin ich verloren.
Aber der Reihe nach. Jeder Mensch, jedes einzelnde Dasein, jede Entität des Lebens auf dieser Welt, hat einen guten Kern. Und sei er noch so tief verborgen unter Ängsten, unter Besessenheit, Verblendung, Hochmut, oder was einem noch so alles einfällt an Eigenschaften der Schwäche. Darunter verstehe ich den Wesenskern tief in uns, der sich im Grunde nur nach Zuneigung und Gesellschaft sehnt.
Dass dieser Kern bei vielen Menschen nahezu restlos und jämmerlich verkümmert ist, ist hierbei Teil des Systems.
Es war viele Jahre sehr einfach, mit arroganter Verachtung auf all jene zu blicken, die für sich persönlich in ihrem Leben den Weg der Dunkelheit gewählt haben. Und mit Dunkelheit meine ich die Abwesenheit von Licht – von Erkenntnis. Die Flucht in Illusionen, Ängste, Symbole, Masken. Das ist eine Entscheidung zwischen dem richtigen Weg und dem Leichten. Aber erstens ist es so einfach nicht und zweitens ist arrogante Verachtung keine erstrebenswerte Daseinsqualität. Ich sags mal so, der adipösen Mutter, die ihren vierjährigen Drillingen Chantal, Kevin und Justine je zwei Juniortüten von McD zu Essen gibt und sich an der Haltestelle lauthals darüber aufregt, dass Hartz IV gekürzt wird und sie nicht weiß, wie sie ihre Kippen bezahlen soll, ist es im Grunde völlig egal, mit welchem Gefühl ich leben muss, wenn ich sie betrachte. Für sie ändert sich dadurch nichts. Aber ich – als Beobachter – muss mit meinem Gefühl leben. Und Abscheu ist keine angenehme Empfindung. Und hier liegt die Aufgabe. Denn auch jener beispielhafte Mensch hat diesen Kern. Diesen kleinen Funken. Das, was sich nach Nähe sehnt, nach Zuwendung. Nach der Schönheit des Lebens. Und dieser Mensch hat sich den Zugang dazu eben – vermutlich für den Rest dieses Lebens – endgültig verbaut. Die korrekte Reaktion ist eigentlich Mitgefühl.
Und doch kommt von irgendwo tief in meinem Inneren diese Abscheu her. Ein Gefühl, dass zu ignorieren auch erstens viel zu anstrengend wäre und zweitens auch ungesund. Vielmehr ist es interessant, zu ergründen, wo bei mir in diesem Fall der Quell dieser Emotion liegt.
Und die Antwort ist im Grunde einfach. Denn es ist Angst. Dieser ekelerregende Anblick führt mir eine Urangst vor Augen. Die Furcht davor, ebenso in die Dunkelheit abzurutschen – mich derart von der Schönheit des Lebens zu entfernen. Und wer mag schon gern seine Ängste vorgehalten bekommen?
Aber wieso bin ich verloren?
Ich habe mir in der letzten Zeit vorgenommen, auf meine Gedanken und Gefühle zu achten. Sie rein zu halten. Das ist ein bisschen wie die Körperpflege – nur dass man Schmutz in den Gedanken nicht so schnell nach außen trägt wie körperliche Unreinheit. Wobei sich beides gegenseitig bedingt und gedanklicher Dreck irgendwann unweigerlich zu äußerlichem Dreck wird.
Ich möchte also meine Gedanken sauber halten. Das heißt konkret, dass ich mich selbst möglichst neutral dabei beobachte, wie ich auf Menschen reagiere, welche Gefühle entstehen, wenn ich andere Menschen wahrnehme. Und wenn sich Abscheu anbahnt, oder sogar wieder Verachtung, kann ich reagieren. Ich versuche mir stets vor Augen zu halten, dass es vermutlich Ängste waren, die aus den Menschen das gemacht haben, was sie heute der Welt von sich zeigen. Ich versuche, meiner Abscheu die Daseinsberechtigung zu nehmen, indem ich dieser höchst oberflächlichen Emotion ihre vermeintliche Herkunft aufzeige und sie somit als unpassend widerlege.
Aber… ja, aber. Auf der Suche nach der wahren Schönheit, beim aufmerksamen Betrachten meiner Umwelt kommt es härter und härter, je mehr ich darauf bedacht bin, mit meinem Urteil milde zu bleiben.
Denn es ist irgendwie frustrierend, das Gute zu suchen – sehen zu wollen – wenn man gerade dann mit der krassen Realität konfrontiert wird.
Erfahrungen nur eines einzigen Tages:

  • Menschen, die beim Besteigen eines öffentlichen Verkehrsmittels einfach zu hohl sind, erst aussteigen zu lassen.
  • Menschen, die in der Bahn das Handy mit einem umgedrehten Megaphon verwechseln und in einer Lautstärke (vorzugsweise auch noch in einer fremden Sprache) labern, dass sie das Handy im Grunde eigentlich gar nicht bräuchten. Als seien sie allein auf der Welt.
  • Exemplare einer völlig perspektivlosen Generation, verzweifelt auf der Suche nach Grenzen (die sie ja meist zu Hause nicht mehr gezeigt kriegen), die ihre Mobiltelefone mit 80er-Jahre Ghettoblastern verwechseln.
  • Massen und Abermassen an Müll, der wirklich überall liegt. ÜBERALL. Köln ist so ein hoffnungsloses Drecksloch, dass einem da wirklich überhaupt nichts mehr zu einfällt. Die ganze Stadt ist ein einziger riesengroßer Mülleimer – und längst nicht mehr nur für die Bildungsfernen.
  • Im Kino rechts neben uns ein stinkendes, schweißiges Pärchen mit zwei Tonnen Popcorn und fünf Litern Cola (äußere Erscheinung dementsprechend). Links das Gleiche. Vor uns eine Gruppe von halbstarken Schaumschlägern mit endcoolen Sprüchen in jeder passenden bzw. unpassenden Situation (da wird man von der Geltungssucht selbst viertausend Meilen gegen den Wind noch erdrückt) und hinter uns eine Mutter mit ihren zwei Grundschulkindern, für die der Film restlos ungeeignet war und die sich außerdem und vielleicht auch deswegen überhaupt nicht benehmen konnten.
  • Auf dem Bürgersteig eine Gruppe von raufenden Primaten in Hemden, von denen mir einer versehentlich in ihrer Unfähigkeit zur Nahbereichswahrnehmung und Wahrung von Grenzen mit dem gesamten Gewicht (und es war mal wieder eine Menge davon im Spiel) auf Bein und Fuß getreten hat. Aber anstatt auf meine Unmutsäußerung vielleicht eine Entschuldigung zu zücken, ließ man dann nur ein belächelndes „Ach, geh weiter, Junge“ fallen.
  • Eine Gruppe von geanzugten, öligen Südländern (herrje, diese Stereotypen wieder), die sich tuschelnd über meine attraktive Begleitung lustig zu machen versuchen und mit der grandiosen Frage aufkreuzen „Wissen Sie, warum die Bahn nicht losfährt?“. Die Antwort „Weil ein Meteorit am Neumarkt eingeschlagen ist und jetzt erstmal die Schienen neu gelegt werden müssen“ ist mir leider mal wieder zu spät eingefallen.

Wo ist sie denn, die Schönheit? Wo ist er denn, dieser kleine Kern. Das Gute im Menschen. Jener Teil, der uns alle gleich macht. Ich suche ihn. Ich bemühe mich wirklich. Aber ehrlich bei aller Liebe und allem Verständnis… Es ist wirklich schlimm hier.

Aber ich bin entschlossen, meinen Kampf nicht aufzugeben und ich werde weiter suchen. Immer im Hinterkopf, dass wir sind, was wir wahrnehmen. Oder andersherum, wahrnehmen, was wir sind. Gut, klappt natürlich nur, wenn es auch etwas gibt, was in Resonanz treten kann um auch tatsächlich zu spiegeln, was einem entspricht. Ich ziehe an dieser Stelle immer gerne mein Beispiel mit den 40 Glühbirnen heran. 39 von ihnen sind rot – und die eine grüne kann noch so sehr ihresgleichen suchen, noch so sehr hoffen, sich selbst in der Welt wiederzuentdecken. Sie wird trotzdem nur rot sehen.

Was hatte ich noch gesagt mit „verloren sein“?