Das Thema ist ja gerade brandaktuell und ich möchte es hier mal wegbewegen von der Beschneidung und dem aktuellen Urteil über selbige, rüber zu solcherlei Überlieferungen im Allgemeinen.

Für mich als „religiös Außenstehenden“ ist es befremdlich bis erschreckend, wie unreflektiert und dünnhäutig ansonsten so intelligente Menschen werden, wenn es mal gegen ihre Religion geht. Daher stellt sich mir auch die Frage: was ist denn überhaupt der Kern dessen, weswegen Menschen sich zu einer Glaubensgemeinschaft, zu einer Religion zählen?
Man schaue sich die Christen hier in Deutschland an. Eine wichtige Frage ist, wieviele von denen tatsächlich daran glauben, tief in ihrem Herzen überzeugt sind von all dem, was das Christentum lehrt. Und wieviele sagen, sie seien gläubig – in Wahrheit reduziert sich dieser „Glaube“ aber auf den wöchentlichen Gang in die Kirche. Vielleicht des Scheins wegen oder aus Verlegenheit oder vielleicht wirklich aus der Überzeugung, auf diese Weise ein guter Christ zu sein. Schaue man sich an, wie diese Kirche sich beispielsweise in manchen Zeiten des Mittelalters verhalten hat. Ich denke an die Hexenverbrennung. Alles im Namen des Glaubens. Oder die Kreuzzüge – im Namen des Glaubens.
Wenn Jesus – angenommen, es gab ihn – sehen könnte, dass sich die gläubigen Katholiken heute allwöchentlich ein Stück Esspapier reinziehen, was würde er darüber denken? Vielleicht würde er sagen „gut, ein Symbol der gemeinsamen Zugehörigkeit zu dieser Religion.“ Vielleicht würde er sich auch totlachen? Naja, vermutlich nicht, dafür war er wohl ein viel zu weiser Mann. Vermutlich würde er besorgt eingreifen wollen, um dieses leblose Runterbeten von hohlen Ritualen, das Rezitieren von Worthülsen, eben all diese total verfremdeten, über die Jahre pervertierten Rituale aufzubrechen und die Menschen daran zu erinnern, worum es hier wirklich geht.
Denn einer Tatsache müssen wir ins Auge sehen: all diese Rituale sind menschgemacht. Nehmen wir hier einmal wieder das gerade so prominente Beispiel der Beschneidung von Jungen. Entweder hat irgendein Mensch (welcher Position auch immer) zu irgendeiner Zeit aus irgendeinem Grund einmal beschlossen, dass fortan Jungen nur noch dann eine Bindung mit Gott haben können, wenn man sie beschneidet. Irgendwann muss es die erste Beschneidung aus diesem Grund gegeben haben. Was ist mit all den Jungen vorher? Hatten die nie eine Bindung mit Gott? Sind sie jetzt in der Hölle, weil ihnen keiner gesagt hat, dass man sich ein Stück Penis abschneiden lassen muss, wenn man ins Paradies will? Solch ein Beschluss von solch einer Person wäre an sich schon höchst zweifelhaft. Aber es kann auch ganz anders gekommen sein. Vielleicht gab es irgendwann einmal eine Beschneidung aus irgendeinem Grund – vielleicht sogar aus einem medizinischen. Und dieser Junge war zufällig Teil einer jüdischen Familie. Vielleicht konnte er nach diesem Eingriff wieder Teil der Familie sein – warum auch immer. Und das bekam jemand mit: „Wow, der Junge war krank, wurde beschnitten und konnte danach wieder in seine jüdische Glaubensgemeinschaft aufgenommen werden. Ich will auch in die jüdische Glaubensgemeinschaft. Ich lasse mich beschneiden.“
Ich bin kein Jude, ich weiß nicht, welche Überlieferung die offizielle Ursache für dieses Ritual ist. Und im Grunde ist es auch vollkommen unerheblich. Weil ich es für absolut absurd halte. Ich weiß, ich mache mir mit solchen Aussagen sehr schnell unendlich viele Feinde… trotzdem halte ich solcherlei Bräuche – vor allem und hauptsächlich wegen dieser Begründung – für vollkommen pervertierte Überreste aus mittelalterlichen Unzeiten. Und das hat mit dem Judentum an sich überhaupt nichts zu tun. Das gilt für alle anderen Religionen auch, die ihre Kinder aus diesen Gründen verstümmeln. Oder andere verheerende Dinge mit ihnen machen.

Man kann aber mit Mitgliedern der Religionen und/oder mit Verfechtern dieser überlieferten Rituale da nicht drüber reden, weil sie viel zu wenig Abstand zu dem Thema haben. Ich unterstelle, dass dadurch der Überblick fehlt, um zu erkennen, wie absurd all das ist. Ich habe nichts gegen Religionen. Religionen sind sinnstiftend, verbindend, im Idealfall spirituell inspirierend. Wenn sie auf eine gesunde, natürliche, herzliche Art und Weise gelebt werden. Aber Religionen, die nicht von Herzen kommen, sondern sich auf Ritualen begründen, deren Sinn und Auswirkung teilweise mehr als zweifelhaft sind, handelt es sich um eine pervertierte Form des Glaubens. Und das halte ich generell für sehr gefährlich. Und das gilt auch für alle Menschen, die im Namen ihres Glaubens töten. Das ist die höchste und letzte Form der absoluten Perversion von Religion und hat mit dem spirituellen Glauben überhaupt nichts mehr zu tun. Wer seinen Gott als Galionsfigur für Mord vorschiebt, degradiert ihn zu einem Massenmörder.
Und wer seinen Gott als Begründung vorschiebt, um kleinen Jungen einen Teil von ihrem Penis abzuschneiden, degradiert diesen Gott zu einem elitären Narziss, der nur ausgewählten Personen Zutritt zu seinem heiligen Reich gewährt. Und wer das Opfer nicht zu bringen bereit ist, kann doch selber gucken, wie er zum Himmel findet. Dieser Gott wird diesen ungläubigen jedenfalls nicht helfen…

Und eben das ist ein Grund, warum ich mich von „Religionen“ kategorisch fernhalte. Weil ich bisher keine gefunden habe, wo nicht Schein und Fassade in einem sehr ungesunden Maße gegenüber Sein und Wahrhaftigkeit überwiegen.

Deswegen sage ich es hier noch einmal: das Urteil des Kölner Landgerichts hat hier ein Zeichen gesetzt. Ein überfälliges und sehr gutes Zeichen. Und es hat sich in der Tat nicht auf eine Diskussion über Sinn und Unsinn einer religiös begründeten Beschneidung eingelassen. Und das darf es auch nicht, weil es sich sonst von den Religionen durch die Gesetzgebung treiben ließe.
Und ich bin gerade sehr gespannt darauf, wie das weitergeht. Wer wo und in welchem Maße seine Macht einsetzt, um hier noch das ein oder andere zu drehen.

+++ UPDATE +++

Ein ehemaliges Glaubensritual, das auch die Entwicklung des gesunden Menschenverstandes und/oder unserer kulturellen Wertvorstellungen nicht überlebt hat ist das Menschenopfer. Ich bin mir absolut sicher, dass es eine Zeit gab, in der die Ultragläubigen (übersetzt also die Ultra-Unflexiblen) diese Praxis vehement verteidigt und als unverzichtbar für die sogenannte Wahrhaftigkeit der Glaubenslehre bezeichnet haben. Auch diese Engstirnigen – ewig Gestrigen – wurden glücklicherweise von der Zeit überwunden.
Wir haben ein sehr wertvolles Kulturgut erlangt: die Meinungsfreiheit. Gäbe es diese nicht, wäre ich für diesen Artikel sicher längst von den Gläubigen „zu meinem eigenen Wohl“ auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Oder man hätte mir zur Läuterung ein Stück meines Penis‘ abgeschnitten, wer weiß. Ich bin der Meinung, dass diese Gesellschaft in der Lage sein sollte, überholte Vorstellungen zu überwinden und sich aufgeschlossen der Zukunft zu öffnen. Und eine wirklich lebendige, pulsierende Religion kann das auch. Kann sie es nicht, ist sie leider tatsächlich auch nichts weiter mehr als die bloße, leblose Hülle ihrer Vergangenheit und über kurz oder lang zum Aussterben verdammt.