Es tröpfelte heute so nach und nach auf den News-Seiten der Zeitschriften und Nachrichtensender rein, dass Nordkorea wohl mit einem präventiven Atomschlag gegen die USA droht. Einhellig dann allerdings in jedem gelesenen Artikel der Verweis auf die Expertenmeinung, dass Nordkorea für solch ein Vorhaben die technischen Mittel fehlten. Das kann natürlich sein – aber darauf verlassen würde ich mich ehrlich gesagt lieber nicht.
Ich meine, mit Nordkorea und dem Iran befinden sich gerade die beiden letzten Spieler in ihrer Abenddämmerung, die sich noch offen gegen das System „Kapitalismus, moderner Imperialismus und Hegemonie a la USA“ stellen. Ich wage ehrlich nicht, mir eine Welt vorzustellen, in der die USA keinen systemischen Gegenspieler mehr haben – besser gesagt, ich möchte es nicht. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Drohungen aus Nordkorea wie auch aus dem Iran meiner Meinung nach nicht auf die allzu leichte Schulter genommen werden sollten. Denn hinter den genannten beiden Opponenten steht in beiden Fällen etwas im Schatten noch immer die Großmacht Russland. Und Nordkorea kommt hier die unheilige Rolle des verrückt gewordenen Bruders zu, den man trotzdem irgendwie nicht im Stich lassen will. Und das könnte zu einer außerordentlich unguten Ereigniskette führen. Denn erstens ist nicht gesagt, dass Nordkorea sich mit seiner Drohung, sich mit einer präventiv gezündeten Atombombe gegen die USA zur Wehr zu setzen, dabei auf das Territorium der USA beschränkt – genausogut könnte man ja einen der vielen Verbündeten nehmen, die viel näher sind (Südkorea oder Japan zum Beispiel). Und dafür würden die technischen Möglichkeiten mit Sicherheit allemal ausreichen – und dann wären Geschrei und Überaschung groß. Zweitens halte ich dieses Szenario für gar nicht so unwahrscheinlich, wie es ganz gerne dargestellt wird. Denn dort wo Russland und auch China zwar mit Atombomben schmeißen könnten (technisch), haben beide Supermächte genug Verantwortung (man denke da nur an nachträglich aufgedeckte Geschichten aus Russland und wie oft die Welt im kalten Krieg haarscharf an der eigenen Vernichtung vorbeigeschrammt ist), um es eben nicht so weit kommen zu lassen. Nordkorea traue ich diese Verantwortung, besser gesagt dieses Verantwortungsbewusstsein und die nötige Reflektionsfähigkeit nicht zu. Kim ist fähig, mit dem Feuer zu spielen. Und sollte er das tun, manövriert er vermutlich zwei, vielleicht drei Supermächte, die im Grunde überhaupt nicht im Entferntesten an einer entsprechenden Auseinandersetzung interessiert sind, in eben jene Konfrontation, die sich ansonsten vielleicht niemals ergeben hätte und würde. Und dann sehen wir alle ziemlich alt aus. Wegen eines Spinners mit der Bombe.
Ich finde es höchst bedenklich, dass die einzigen offenen Opponenten des kapitalistischen Wertesystems, das gerade die Welt zu erdrücken beginnt, zwei durchgeknallte, hochgefährliche Zündelspinner sind. Es bräuchte dringendst mal wieder einen ernstzunehmenden, aber nicht mit weltweiter Vernichtung drohenden Gegenpart. Ein korrektiv der Geiz- und Ausbeutungsexzesse unserer westlichen Kultur.
Aber Nordkorea verspielt gerade den aller- allerletzten Rest. Und nachdem Kim, sowie auch dessen Vorgänger Kim und Kim, seit langem eine Katastrophe ist für sein eigenes Volk, könnte er sich auch als Katastrophe für die Welt entlarven. Und das ist es, was ich wohl einfach nicht erleben mag.