Wohl niemand wird jemals wieder den Tag vor fünf Jahren vergessen. Auch ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich kurz nach vier Nachmittags MESZ nach der Schule nach Hause kam, mich an den Schreibtisch setzte und nach einem Tipp meiner Mutter, etwas Unheimliches sei in den USA geschehen, den Fernseher einschaltete. Die folgenden Minuten waren geprägt von Ungläubigkeit… ich wollte es nicht für Wahr halten. Die Stunden danach jedoch standen ganz im Zeichen des Entsetzens und einer tiefgehenden, quälenden und bisher ungekannten Gewissheit. Das Gesicht der Welt hatte sich an eben jenem Tag grundlegend verändert. Hatte der Terrorismus bisher für unsereins normale westliche Medienkonsumenten lediglich in Bildern ein abstraktes, größtenteils zwar erschreckendes aber nicht greifbares Bild gezeichnet, so hatte er nun seine wahre, hässliche und abgrundtief bösartige Fratze entblößt. Ich werde niemals meine Eindrücke und Gefühle vergessen… was schoss mir an Emotionen, an Gedanken durch den Kopf in den Sekunden, als ich das zweite Flugzeug über Manhatten fliegen und geradewegs in den Turm steuern sah? Düstere Ahnungen, schreckliche Vorstellungen – von mir bisher stets als diabolische Utopie abgetan – zeigten an diesem Tag, dass sie nicht länger nur als Möglichkeit bestehen… Die Welt steuert auf einen großen Krieg hin – größer als wir ihn uns vermutlich vorstellen können… und dieser Tag war die erste Schlacht. Eine Schlacht, in der es nur Verlierer gab.
Ich werde auch nicht die Gemüter der Nachrichtensprecher vergessen können. Diese Personen, die uns sonst alle Arten von Neuigkeiten, ob Gut oder Schlecht, mit einer bestechenden Professionalität nahe bringen… sie alle waren ebenso aufgelöst und rangen um ihre Fassung. Der Schrecken über diese unglaubliche Bösartigkeit, über die Tragik des Geschehens vor Ort und nicht zuletzt das Entsetzen über die Einzelschicksale ließen mich innerlich erstarren. Jedes Mal, wenn ich auf den Live-Bildern einen Menschen aus den Türmen stürzen sah, starb mit ihnen ein Teil meines Glaubens an die Menschheit… ich wehre mich seit diesem Tag gegen die Bilder der Vorstellung davon, wie es wohl den Leuten ergangen sein musste, die mit dem Bauwerk schließlich in die Tiefe stürzten. Zu schrecklich drohen diese Bilder zu werden.
Zugegebermaßen ist der Mensch zu ungeahnten Grausamkeiten fähig. Diese traurige Erkenntnis haben wir nicht zuletzt seit den mit Worten nicht erfassbaren Vorgängen unter dem Regime des Dritten Reichs.
Doch der Elfte September holt dieses Grauen, diesen puren Schrecken der Dunkelheit zurück in unsere Gegenwart und offenbart uns mit aller Brutalität, dass ein weiterer großer – vielleicht entscheidender – Kampf bevor steht.
Ich spreche hier noch nicht einmal explizit vom drohenden Krieg der Kulturen, der zweifellos in diesem Jahrhundert, vermutlich schon in der nächsten Jahren, ausbrechen wird… vielmehr meine ich einen Kampf, der in uns selber stattfindet. Es geht um die Gegenüberstellung von Egoismus und Gleichgültigkeit auf der einen und Weltenliebe und Mitgefühl auf der anderen Seite.
Wir werfen den Terroristen vor, blind vor Hass zu sein. Sie opfern sich selbst – und damit das Kostbarste überhaupt, nämlich ihr Leben – einzig für diesen einen Zweck, anderen Menschen Schmerz und Tod zu bringen. Ihr Blick versteift sich auf die Auslöschung ihres antrainierten Feindes und koste es gar die eigene Vernichtung. Auf der anderen Seite droht uns (im Sinne unserer westlichen Kulturen) nun etwas ähnliches. Wir laufen Gefahr, uns von diesem blinden Hass anstecken zu lassen – wofür der Elfte September Sinnbild ist. Wir verlieren, wenn wir einst ebenso nur noch die Vernichtung unserer Feinde anstreben.
Da ich nicht davon ausgehe, dass sich in den nächsten Jahren eine weisere Sicht der Dinge unter westlichen Regierungen verbreitet und vielmehr damit rechne, dass auch die westlichen Völker in nicht allzu ferner Zukunft nach Vergeltung schreien werden, erwarte ich den Ausbruch des Dritten Weltkrieges innerhalb der nächsten 20 Jahre.
Ich wage nicht, mir vor zu stellen, was übrig bleiben wird… allerdings besteht Hoffnung!