Es ist – kurz gesagt – entwürdigend. Alles, was dieser Tage so abgeht. In den Medien, in der Politik. Entwürdigend für das Amt des Bundespräsidenten, entwürdigend für Herrn Wulff selbst, entwürdigend für die Öffentlichkeit.

Nach dem Interview mit Herrn Wulff in ARD und ZDF habe ich mich eine Weile gefragt, was da geschehen ist. Dieser Mann hat mir nur noch Leid getan. Nicht unbedingt wegen der Medienkampagne, mit der er sich konfrontiert sieht, sondern wegen seiner persönlichen Schwäche im Umgang mit der gesamten Situation. Eine Situation, in die er von A bis Z nicht hineinpasst. Aber das kann man ihm selbst alleine kaum vorwerfen. Ich fand es erstaunlich, wie Leid Herr Wulff sich selbst getan hat in diesem Interview. Meine Reaktion schwankte von „Ich würde ihn gerne in den Arm nehmen“ und „Meine Fresse, wenn er noch einen Satz mehr sagt, um sich als Opfer darzustellen, stirbt er alleine daran.“ bis hin zu „Noch eine Frage von Frau Schausten und Wulff fängt an zu weinen.“… Ist das eines Bundespräsidenten würdig? Wie sähen Rau, Herzog oder Köhler an seiner Stelle aus? Ist das überhaupt vorstellbar?
Ich denke sogar, zu verstehen, wieso er sich so vehement an sein Amt klammert. Es passt nicht in sein Weltbild, in sein Selbstbild, jetzt auf dem Höhepunkt der Schmach, den Platz zu räumen. Das wäre die größtmögliche Niederlage. Das Gemeine daran ist, dass er diesen Kampf aber längst verloren hat. Und zwar nicht heute, nicht vor Wochen, sondern bei Amtsantritt. Und das war nicht seine Schuld, sondern die von Angela Merkel. Nicht jeder Mensch eignet sich als Bundespräsident. Das ist eine Tatsache, die selten so deutlich wurde, wie in den letzten Wochen. Wulff ist jemand, der sich sehr deutlich zu denen zählen lassen muss, die für dieses Amt nicht geeignet sind. Er ist deswegen kein schlechter Mensch. Er hat nur nicht das nötige Format. Diese Tatsache kann er selbst allerdings ebendarum nicht einschätzen. Frau Merkel als Bundeskanzlerin hätte das können müssen. Hätte Wulff bei Eintreffen des Angebots für das Amt damals gesagt, dass er sich diese immense Aufgabe nicht zutraut, hätte er ja das nötige charakterliche Format gehabt, was ihn dann widerum schon fast wieder dafür qualifiziert hätte. Jetzt rächt sich auf sehr öffentliche Weise, dass Merkel sich damals für einen Parteisoldaten als Galionsfigur entschieden hat, anstatt für eine Person von Format, Ansehen und Eignung für das höchste Staatsamt. Mehr als deutlich wird jetzt, dass Wulff niemals angedacht war, als Mahner zu fungieren, als Wegweiser oder Ideengeber. Er sollte stets nur Abnicken und Grüßen. Was er sicher sehr gut konnte. Nur dass das eben nicht alles ist, rächt sich jetzt.
Im Grunde ist Wulff wirklich ein Opfer. Ein Opfer der außerordentlich mächtigen Mühlen, die von allen Seiten an ihm drehen, nagen und reißen.
Sein Verhalten, seine Unfähigkeit zur ehrlichen Selbstreflexion und seine Unbedarftheit sind alles Zeugen seines Horizonts. Was nicht wertend gemeint ist. Ich kann die Qualität seiner Arbeit als Ministerpräsident nicht einschätzen. Dass er diese Position erreicht hat, ist schon beachtlich genug. Aber es hätte dabei bleiben sollen.

Wie sollte jetzt die Zukunft aussehen? Die Bundeskanzlerin sollte schnellstmöglich einen Weg finden, Wulff eine Türe zu öffnen. Eine Türe, die ihm einen Abgang ermöglicht, mit dem er trotz alledem sein Gesicht wahren kann. Was bei der aktuellen Medienschelte allerdings wohl kaum noch möglich ist. Es ist unbestritten, dass Wulff für sein Amt vollkommen ungeeignet ist. Und es gilt nach wie vor, dass jeder weitere Tag, den er es ausführt, ihm und dem Amt schadet. Er kann nicht mehr gewinnen. Und die Tatsache, dass er das nicht sieht oder nicht sehen will, beweist dies einmal mehr. Es ist jetzt – auch im Interesse des deutschen Volkes und der deutschen Politik – höchste Zeit, dass ihm jemand eine unterstützende Hand reicht beim Ausstieg aus dem Zug, den er nicht mehr steuern kann, nie steuern konnte, ehe er vollends entgleist. Und das kann wahrlich in niemandes Interesse sein.

Der Ball liegt einmal mehr in Merkels Feld – auch wenn Frau Merkel mal wieder Pause zu machen scheint. Und sie täte gut daran, bei Gedanken über einen neuen Kandidaten auf Protektion zu verzichten. Herrn Wulff hat sie verheizt – und er hat sich verheizen lassen.