Positiv denken! Positives Denken. Die Gedanken formen die Realität. Du bist, was du denkst. Und so weiter…

In meiner jahrhundertelangen empirisch geprägten Weltreise (genaugenommen sind’s 0,29 Jahrhunderte) bin ich oft über diese Aussagen gestolpert. Teils voller Hoffnung, meist mit Sehnsucht und mittlerweile auch oftmals mit Resignation und fast schon Wut verbunden. Es gab Zeiten, da konnte ich es nicht mehr hören. Denke positiv… wenn das Leben einem Tiefschläge verpasst, dass es jeden Kampf gegen die Klitschkos mit verbundenen Augen gewinnen würde. Und dann wieder gab es Momente, in denen ich voller Hoffnung alles auf diese Redewendung gesetzt habe. Wenn doch Gedanken die Realität formen, sind es ja die Gedanken, die zu beherrschen es gilt. Das kann ja nicht so schwer sein…
Ist es leider doch. Aber nicht vordergründig. Der Kniff liegt wesentlich tiefer, als man denkt. Denkt… haha.

Heute habe ich über ein ganz spezielles Thema nachgedacht: die Grundhaltung. Das, was viele Menschen vielleicht als optimistisch vs. pessimistisch bezeichnen würden. Und ich habe ein interessantes Beispiel. Wir befinden uns in einem Internet-Chat. Ein Flirt-Chat. Den Chat-Partner können wir nicht sehen und nicht hören. Einzige Info ist das geschriebene Wort, das wir lesen. Es gibt die Menschen, die für bare Münze nehmen, was sie lesen. Und es gibt Menschen, die alles in Frage stellen und das Böse vermuten. Konkret heißt das, die einen schreiben mit einer selbsternannten jungen Frau, sehr sexy, intelligent, neugierig. Sie hinterfragen diese geschriebene Information nicht. Die anderen schreiben ebenfalls mit dieser jungen Frau, sie aber vermuten einen bärtigen, dicken alten Mann.
Tatsache ist, dass man dies nicht nachvollziehen kann. Man kann es nicht überprüfen. Und nun kommt es zur Frage der Grundhaltung. Womit bin ich denn als Mensch glücklicher? Mit der Vorstellung, Worte mit einer attraktiven, jungen Frau zu wechseln oder mit einem Mann, der sich dafür ausgibt? Was ist denn, wenn es wirklich der bärtige Mann ist, man aber glaubt, es sei die Frau. Was ist, wenn es wirklich die Frau ist, man aber von der Vorstellung nicht wegkommt, es sei der Mann?
Einmal ganz davon abgesehen, ob man sich auf solch eine ungewisse Situation überhaupt einlassen möchte… die Architektur unserer Erwartung bestimmt die Qualität unseres Alltags.
Und hier sind wir bei der Grundhaltung angekommen. Der Teil in uns, der schon sehr nah dran ist an dem, um was es geht, wenn davon die Rede ist, dass unsere Gedanken die Welt formen. Unsere Welt. Wie vieles spielt sich im Grunde nur in unserem Kopf ab? Was ist Realität? Wenn wir mit dem Mann chatten und die Frau vermuten, ist das nicht Realität? Eine Realität, die uns gefällt?
Oder um es einmal weniger abstrakt zu formulieren: wenn wir am Meer sitzen, in der Sonne, dann bestimmen wir, was für uns real ist. Oder vielleicht etwas besser gesagt, wo wir unseren Schwerpunkt legen. Es geht auch hier wieder um die Wahrnehmung. Sehen wir die Schönheit des Sonnenlichts? Die Farbe des Wassers? Den Geruch der Pinien aus der Ferne? Das Zirpen der Grillen? Finden wir all das gut? Oder sehen wir vielleicht den Müll zwischen den Dünen? Sehen wir die unattraktiven Menschen? Oder tendenziell eher die Hübschen? All das spielt sich meist unbewusst ab. Ist auf eine gewisse Art und Weise vorgegeben. Und auf den ersten Blick hat man da herzlich wenig Einfluss drauf.
Aber ganz im Ernst: all diese Kleinigkeiten – und es sind jeden Tag eine ganze Menge davon – bestimmen die Qualität unseres Lebens. Ich spreche da aus sehr viel Erfahrung. Ich persönlich habe mein Leben lang einen herzhaften Sarkasmus entwickelt. Eine Grundhaltung, die von der Annahme genährt wird, dass sowieso alles schief geht. Keine gesunde Einstellung. Aber interessanterweise gibt es einen Ausgang. Und zwar nicht unbedingt eine kleine Hintertür, sondern einen großen, prominenten Ausgang: Humor. Irgendwann begann ich, diese ständigen Tiefschläge, diese kleinen Ärgereien, die das Universum mir wie zur eigenen Belustigung ständig zwischen die Beine zu werfen schien, als Anlässe wahrzunehmen, zu lachen. Sei es über mich, über die Absurdität oder einfach über die Situation selbst, weil sie wirklich lustig war. Und das verändert die innere Haltung.
Ich frage mich, wieso scheinbar diese Vorstellung vorherrscht, Realität sei alles außerhalb unseres Kopfes. Damit schneiden wir uns komplett von uns selbst ab und legen unser Schicksal komplett aus der Hand. Ich sage: Realität ist, was in unserem Kopf beginnt! Und das ist eine unglaublich wichtige Erkenntnis.