Wir sprechen heute anlässlich der Gedenktage mit einem Zeitzeugen der ersten Flüchtlingskriege in Europa im Jahr 2015. Herr Fields (Name geändert) war damals 33 Jahre alt.

Herr Fields, wie haben Sie die Tage vor dem Ausbruch der Flüchtlingskriege vor 50 Jahren erlebt?

Ich würde hier eher von Wochen sprechen. Wobei natürlich die letzten Tage schließlich fast stündliche Zuspitzungen hatten. Aber es war ja schon viele Wochen vor Ausbruch der ersten Kriege deutlich erkennbar, in welche Richtung die Stimmung gehen würde. Die EU hatte sich entschieden, die eigene Festung abzuschotten. Ich betrachte das als den Wendepunkt in der Geschichte, denn damit hatte sie wohl den Grundstein gelegt für die Konfrontation. Anstelle eines Miteinander. Und die linken Parteien waren ja damals ohnehin schon seit vielen Jahren von den Medien sehr erfolgreich in die Ecke der fundamentalen Realitätsverweigerer gedrängt worden. Die Quittung dafür haben wir ja später alle bekommen.

Sie sagen, die EU habe den Grundstein für die Konfrontation gelegt. Was meinen Sie damit?

Es hatte sich eine Bewegung gebildet – hauptsächlich in den sozialen Netzwerken von damals. Ein Bewegung der Fremdenfeindlichkeit. Eine extrem fremdenfeindliche Haltung war plötzlich und scheinbar über Nacht salonfähig geworden und galt nach einigen Wochen gerade in der bildungsferneren Schicht schnell sogar als en vogue. Schlimmer noch, eine andere Meinung zu vertreten war schnell anfangs verpönt, später sogar zunehmend gefährlich. Die Hasskommentare haben rapide zugenommen. Ich erinnere mich noch an einen mutigen Kommentar einer Tagesschau-Redakteurin. Wenige Wochen vor Ausbruch des Krieges. Sie war anfangs Zielscheibe übelster Hasskommentare und sie hat sich nur Tage nach ihrem Beitrag selbst als Projektionsfläche erkannt. Ich habe schon damals großen Respekt vor ihr gehabt – und wenn man bedenkt, was ihr widerfahren ist kurz vor Kriegsausbruch…

Sie sehen die Gründe für den Kriegsausbruch in den sozialen Medien?

Nein. Natürlich ist das nicht der Grund. In den damaligen sozialen Medien – und allen voran war das damals Facebook – konnte man nur die Symptome deutlich sehen. Symptome des eigentlichen, sehr komplexen Problems. Und das war wohl die extreme soziale Ungleichheit und kollektive Unzufriedenheit. Was ein bisschen paradox ist, zumal der soziale Unfriede ja von Politik und Medien ganz bewusst angefacht wurde. Nur mit dem Ausgang hatte wohl niemand gerechnet. Durch die, inzwischen glücklicherweise menschenrechtswidrige, Lohngestaltung des Großteils der Bevölkerung damals hatten die meisten Menschen keine Kraft und auch keine Zeit, sich groß um Themen zu kümmern, die sich außerhalb ihres unmittelbaren sozialen Umfelds abspielten. Zumindest nicht differenziert. Und um jeden Anflug von eben jener differenzierten Auseinandersetzung mit kontroversen und komplexen Themen im Keim zu ersticken, wurden eben jene geknechteten Menschen mit den Massenmedien und der ihnen innewohnenden Fähigkeit der Meinungsmache in Schach gehalten. Oder besser gesagt bei Laune. Es ist leicht, wenn man eine diffuse Unzufriedenheit verspürt und als Antwort darauf dann von den Medien offenkundig glaubhaft erst einen Grund und dann einen Schuldigen präsentiert bekommt, sich dieser Linie dann blind anzuschließen. Meinungsmache eben. Der Hass auf die Ausländer war gewollt. Gewollt und gesteuert. Zumindest von Verbrechern wie dem Axel-Springer-Verlag, dem es ja im selben Jahr damals zum Beispiel auch nicht zu peinlich war, offen Volksverhetzung gegen Griechenland zu betreiben.

Aber das ist doch ein sehr einseitiges Bild der damaligen Lage. Vor allem auch der politischen Stimmung.

Stimmt. Es gab damals viele Politiker, die sich ernsthaft für das Wohl der Flüchtlinge eingesetzt haben. Aber sie alle, wirklich allesamt, haben es falsch angepackt. Der Tenor der Gegenbewegung war schnell eindimensional geworden und lautete mehr oder weniger „Alle Flüchtlinge sind willkommen“ und – viel verheerender – „Alle, die das anders sehen, sind dumme, braune, rassistische Nazis“.

Sie müssen zugeben, dass der Vergleich nicht allzu weit hergeholt ist.

Zugegeben, die Hetze gegen Ausländer und gegen Flüchtlinge bedarf tatsächlich einer immensen Menge Dummheit. Und Bosheit. Aber die Masse derer waren ja damals nicht die wirklich verbal hetzenden und später mordenden. Die Masse waren die Leute, die stillschweigend zugestimmt haben. Und ehrlich gesagt hat sich um die nie jemand wirklich gekümmert. Klar, die Anschuldigung an jene, die gegen Flüchtlinge sind und deren Verbrennung fordern als dumme Nazis zu bezeichnen, ist wohl, abgesehen von etwas undifferenzierter Terminologie, ziemlich passend. Aber es geht eben an jenen vorbei, die nur ihre Likes auf Facebook verteilt haben. Eine große Masse an Menschen, die unzufrieden waren und nicht in der Lage oder Willens, sich mit der Herkunft ihrer Lage wirklich auseinanderzusetzen. Oder sich dafür zu interessieren. Ich habe hier eine Art Aufklärungskampagne vermisst. Andererseits ist es auch wirklich nicht leicht, einfach gestrickte Menschen mit nackten Fakten zu überzeugen, wenn die einmal eine Meinung vorgesetzt bekommen und für sich übernommen haben. So falsch die auch ist. So gesehen war es 2015 zu Zeiten des Ausbruchs der offenen und unverhohlenen Feindschaft im Internet bereits zu spät.

Sie sagen, man hätte eher eingreifen müssen? Oder können?

Ja. Das war Sache der Politik. Oder eben derer, die nicht auf einer Linie waren, oder besser gesagt sich noch nicht von der INSM haben kaufen lassen. Ich denke hier an die Linkspartei. Die Grünen waren damals ja schon gekauft. Die Menschen waren unzufrieden. Und das waren sie nicht, weil Türken oder Albaner ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen, sondern weil das gesamte soziale und finanzielle System damals so kreischend ungerecht war. Die dafür verantwortliche Politikerriege hat es aber meisterlich verstanden, ihr Treiben zu verdecken und die Schuld eben jenen Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben. Ich weiß noch, wie oft ich damals so einen hirnlosen Unsinn wie „Bevor ich irgendeinem Flüchtling irgendetwas spende, gebe ich es lieber einem DEUTSCHEN Obdachlosen“ gelesen habe. Solche Sätze offenbaren auf den ersten Blick Dummheit und Egoismus. Aber was steckt dahinter? Wieso lassen sich Menschen zu solchen Aussagen hinreißen? Wie kommt es, dass Menschen so etwas öffentlich zugänglich sagen oder schreiben? Es ist Angst. Und es ist Unsicherheit. Und den Ursprung eben jener Angst hätte sich die Politik von damals ansehen müssen. Eine Angst vor dem Existenzverlust. Geschürt durch prekäre Beschäftigungsmodelle. Die ja inzwischen als Rückkehr der modernen Sklaverei Anfang des 21. Jahrhunderts gewertet wird. Klar – das muss man auch berücksichtigen – man hat es hier natürlich auch mit einer immensen Portion Dummheit zu tun. Und da argumentativ Fuß zu fassen ist bekanntlich fast unmöglich. Deswegen, ich sage es nochmal, hätte vorher etwas geschehen müssen. Wer solche Schichten in einer Bevölkerung entstehen lässt, diese fördert, ihnen Futter für ihre Paranoia und ihren Hass gibt, darf sich nicht wundern. Ja, es war 2015 bereits zu spät dafür.
Es gab Mitte des 20. Jahrhunderts einen sehr makaberen und geschmacklosen Witz. „Man werfe zwei Juden einen Penny vor die Füße und beobachte, wie sie sich darum prügeln und töten“. Das sollte das Bild der Geldgier persiflieren, die man ihnen andichten wollte. Auch das war solch eine Stilblüte menschlicher Abgründigkeit. Die Sache ist nur, dass wir alle damals diese beiden waren. Und wir haben uns tatsächlich geprügelt. Und später ja auch getötet. Um den Penny. Die Menschen, gerade die unteren Schichten, waren wie Gladiatoren in der Arena, ohne zu wissen, dass sie welche sind. In einem Land voller Überfluss, in einem der reichsten Länder dieses Planeten zur damaligen Zeit, wird einer Mehrheit der Einwohner erfolgreich weisgemacht, sie müssten aufpassen, sich nichts wegnehmen zu lassen. Und das zieht natürlich. Und das Mittel war pervers wie einfach. Man nehme den kleinen Leuten so lange gerade so viel weg, dass es zum Leben reicht, aber jeder immer und zu jeder Zeit darum kämpfen muss. Das schürt Egoismus, Paranoia, Feindseligkeit. Und dann kommen massenweise Menschen, denen bereits an der Grenze von den Medien ein Stempel auf die Stirn gedrückt wird: „Dieb“. Das musste einfach knallen.

Aber diese Schicht gab es doch schon sehr lange.

Ja. Das ist richtig. Diese Schicht gab es eigentlich schon immer. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte unserer Rasse, dass es einige „da oben“ gibt, die sich auf Kosten der Masse bereichern und diese an der kurzen Leine halten. Und zweifellos war solcherlei Treiben in der Vergangenheit, in den zurückliegenden Jahrhunderten, sehr viel brutaler, sehr viel blutiger. Aber die Form der Unterdrückung im 21. Jahrhundert hat durch die Massenmedien und die damit plötzlich möglich gewordene massenhafte Desinformation einen neuen, sehr perfiden Zug bekommen. Denn niemand ist mehr gefangen als wenn er glaubt, frei zu sein. Das hatte damals schon fast etwas von massenhaftem Stockholm-Syndrom. Ich erinnere mich noch, dass im Jahr 2013 bei der letzten freien Wahl die Regierungspartei satte 43% Wählerstimmen bekommen hatte. Ich weiß auch noch, dass ich danach wochenlang vollkommen sprach- und fassungslos war, wie blind die Menschen damals waren. Aber irgendwann habe ich verstanden, dass es selbst gewählte Knechtschaft war. Wer gefangen ist, fürchtet sich irgendwann vor der Freiheit. Oder besser gesagt vor der Ungewissheit der Freiheit.
Also ja, die Schicht gab es schon sehr lange. Aber ich denke, dass die Meinungsmacher ihre doch erstaunliche Eigendynamik unterschätzt hatten.

Damit meinen Sie die Entwicklungen in der zweiten Jahreshälfte.

Ja. Anfangs gab es ja noch Symbolpolitik und symbolhafte Ahndung von Hetze und Angriffen. Aber irgendwann gingen Geschichten viral durch die Netze über Flüchtlingsbanden und über Vergewaltigungen, über Belästigung von Kindern…

…von Deutschen Frauen und Kindern…

Ja. Es ging natürlich nur um deutsche Opfer. Die alte Rhetorik der rechtsnationalen Fundamentalisten. Die Deutschen werden angegriffen. Ekelhaft. Aber da war es dann plötzlich nur eine Frage der Zeit, bis das Pulverfass explodiert. Und ich denke, dass das unterschätzt wurde. Nachdem die ersten rechtsextremen Banden mit gezielten und organisierten Angriffen auf Flüchtlinge begonnen hatten, war der Jubel in den sozialen Medien erschreckenderweise groß. Niemand hatte den stillen „Gefällt mir“ Klicker in seiner diffusen Unsicherheit abgeholt. Bis es die Neonazis getan haben. Und dann war es eine Frage von wenigen Tagen, bis Trittbrettfahrer dabei waren. Die ersten Synagogen und Moscheen brannten. Und dem stillen „Gefällt mir“-Klicker fiel auf, dass ihn die ja schon immer gestört hatten. Und dass der Ausländer von nebenan, der übrigens mehrheitlich bereits in zweiter oder sogar dritter Generation in Deutschland geboren war, ihn auch störte. Und da hatten wir ihn, den ersten Krieg.

Sprechen wir von den Tagen des Kriegsausbruchs. Wo waren Sie? Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich war zu dieser Zeit Pendler. Jeden Tag eine halbe Stunde Fahrt mit der Bahn hin, eine halbe Stunde zurück. Und ich fand es damals erschreckend, welchen Unterschied mein Wohnort und mein Arbeitsort hatten. Der Arbeitsort war eine der damals größeren Metropolen im Westen von Deutschland. Mein Wohnort zwar auch Großstadt, aber trotzdem sehr provinziell und leider extrem unaufgeklärt, borniert, weltverschlossen und durch und durch finster. Beide Städte hatten damals einen extrem hohen Ausländeranteil. Meine Heimatstadt hatte weit über 10%. Und ehrlich gesagt war der westliche Teil der Innenstadt schon Jahre vorher von islamistischen Fundamentalisten mehr oder weniger in Beschlag genommen worden. Es gab damals in meiner Stadt die sich selbst so genannte Scharia-Polizei. Das waren ein paar vollkommen fehlgeschlagene Individuen, die den rechtsnationalen Spinnern mit ihren Parolen und unfassbar peinlichen Videos im Internet damals in nichts nachstanden. Die gleiche Spezies, nur auf gegenüberliegenden Seiten des Grabens. Ich hab mich damals ein paar mal bei dem Gedanken erwischt, dass es doch gut wäre, wenn die sich gegenseitig einfach platt machen und die normalen Menschen, die einfach in Frieden leben wollen in Ruhe lassen. Aber diese Menschen gab es ja gar nicht wirklich. Oder anders gesagt, die Massenmedien haben diese Menschen damals scharf gemacht, eben keinen Frieden mit den „anderen“ haben zu wollen. Aus reiner Gier, aus Geiz und aus Angst.
Aber wie gesagt, ich bin damals gependelt. Und ich erinnere mich, dass ich zunehmend Banden sichtlich rechter Gesinnung an den Bahnhöfen habe umher streifen sehen. Und es gab damals viele Situationen, in denen ich mich sehr unwohl gefühlt habe. Und irgendwann Ende des Sommers gab es dann die ersten handfesten Auseinandersetzungen. Es fing damit an, dass diese Banden Einzelne belästigt und verletzt haben. Anfangs noch geahndet von Polizei und Bahn-Sicherheit, wurden diese Übergriffe aber innerhalb weniger Tage so umfangreich und häufig, dass die Polizei sehr schnell nicht mehr hinterhergekommen ist. Und irgendwann haben die Flüchtlinge dann, wohl auch mit Hilfe damals in Deutschland lebender Menschen mit Migrationshintergrund, begonnen, sich zu wehren. Und zurückzuschlagen.
Und dann war der Übergang fließend. Die Straßenschlachten waren da, es gab die ersten Toten. Die wurden gerächt mit noch mehr Toten. Es folgten Gräueltaten, zur Abschreckung. Ich erinnere mich mit Schrecken an die gekreuzigte junge Frau, der man nur ihr Kopftuch gelassen hatte, die man eines Tages am Berliner Hauptbahnhof deponiert hatte. Und es folgten noch viele derlei Taten. Und es waren hauptsächlich die deutschen Extremisten. Aber bei allem Verstehen für die Möglichkeit der Entwicklung und Entstehung dieser unzufriedenen Schicht dummer, bildungsferner Menschen hat mich diese entfesselte Gewalt damals extrem erschreckt. Diese Kaltblütigkeit, die Bereitschaft zur Gewalt. Und noch vor Ablauf des Jahres gab es plötzlich überall in Europa Straßenkriege. Nationalisten und dummes Volk gegen Ausländer und Flüchtlinge.
Damals hat meine engste Familie sich versammelt und wir haben geschlossen Deutschland verlassen für einige Zeit. Bis die Kämpfe auch andernorts ausbrachen. Und dort waren schließlich wir die Ausländer oder besser gesagt die Flüchtlinge. Wir waren Kriegsflüchtlinge. In der Heimat waren wir jeden Tag in Gefahr, zwischen die Räder zu kommen. Von den eigenen Landsleuten gehasst für unser „Gutmenschentum“ und in ständiger Gefahr von fanatischen Ausländern als Deutsche über einen Kamm geschoren zu werden. Glücklicherweise wurden wir als deutsche Familie in einem Land von Menschen aufgenommen, deren Vorfahren 75 Jahre davor von deutschen Besatzungsmächten geknechtet und misshandelt worden waren. Und dieser Akt der Menschlichkeit hatte mich damals in meiner Haltung bestärkt. Wir hatten das Glück, das meine damaligen „Landsleute“ so unzähligen anderen Menschen verwehrt hatten. Wir sind alle Menschen. Und es ist die Menschlichkeit, die uns zivilisiert macht. Es ist die Nächstenliebe, die den Pfad in die Zukunft weist. In eine bessere Welt. Leider hat es viele Jahre gedauert, bis in Europa die Feuer des Hasses verbrannt waren. Bis es nichts mehr gab, was abbrennen konnte. Ich wünschte mir nur oft, es wäre anders gekommen. Ich trauere um die Millionen Toten ebenso wie um den Untergang unserer westlichen Kultur. Wer weiß, wie viel besser die Welt heute aussehen würde, hätten die Menschen sich damals nicht vom Hass verleiten lassen, sondern ihrer inneren Stimme der Menschlichkeit Raum gegeben.

Herr Fields, ich danke Ihnen für dieses Interview.

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