Eigentlich war ich inzwischen dazu übergegangen, die FDP nicht einmal mehr zu ignorieren – schließlich gab es im Grunde inzwischen auch keinen Anlass mehr dazu. Einzig die Tatsache, dass die Partei als solche noch in der Regierungsverantwortung im Bund involviert ist, zwingt uns nach wie vor dazu, hin und wieder mehr oder weniger fassungslos unsere Köpfe zu schütteln.
Ich breche heute mit der Tradition, einfach überhaupt nichts mehr zu dieser Bande zu sagen, weil heute etwas Interessantes geschehen ist.

Christian Lindner ist als Generalsekretär dieser sogenannten Partei zurückgetreten.

Diese Meldung an sich ist ebenso bemerkenswert wie schleierhaft. Sie bietet viele vordergründige und einige hintergründige Interpretationsmöglichkeiten. Auf den ersten Blick habe ich heute mehrfach die Meinung gelesen und gehört, er wolle mit diesem Schritt Schaden vom Parteivorsitzenden Philipp Rösler abwenden. Dies sei die Konsequenz, die er aus der völlig vergurkten Art und Weise ziehe, wie er mit Schäffler und dem Mitgliederentscheid umgegangen war (Rösler erklärt Mitgliederentscheid für gescheitert).

Hoch interessant allerdings waren dann seine knappen Worte zum Rücktritt, die er an die Öffentlichkeit gerichtet hat.
„Meine Erkenntnis hat für mich die Konsequenz, dass ich aus Respekt vor meiner Partei und vor meinem Engagement für die liberale Sache mein Amt niederlege.“ Und hier ist sehr viel Spielraum für Spekulationen. Ich wage einmal eine Deutung dieser Worte. Ich habe Herrn Lindner schon zu Beginn seiner Amtszeit als Generalsekretär als außerordentlich vielversprechenden Politiker empfunden. Meine latente Feindschaft zur FDP als Symbol des Neokapitalismus einmal außen vor gelassen. Und so hat es mich doch schon sehr gewundert, in welche Gesellschaft Herr Lindner in der letzten Zeit mehr und mehr geraten ist in der FDP. Wenn alles schief lief, war er – meiner subjektiven Meinung nach – stets einer der wenigen, die den Überblick behielten. Er hat von allen Schreihälsen um ihn herum den – ebenfalls meiner Meinung nach – größten Sachverstand und das mit weitem Abstand beste Gespür für das politische Geschäft. Etwas, das beispielsweise Rösler in Gänze fehlt.
Und so werte ich Lindners Rückzug jetzt als Selbstschutzmaßnahme. Ihm jetzt Feigheit vorzuwerfen, ist Quatsch. Immerhin hat er sich Wochen- und Monatelang trotz wirklich brachialer Unglaublichkeiten seiner Parteikollegen tapfer in die Dienste der FDP gestellt. Allerdings hat wohl auch Lindner in der letzten Zeit festgestellt, dass der Abwärtstrend mit dem gegenwärtigen Personal wohl nicht mehr umkehrbar ist. Das deutet er ja auch selbst an mit seinen Worten. Und als Mensch mit Überzeugung muss er jetzt sich selbst aus dieser Gruppe der politischen Versager um und einschließlich Rösler lösen, wenn er ernsthaft seine liberale politische Überzeugung auch in Zukunft so ambitioniert verwirklichen will. Dann muss Lindner jetzt mit ansehen, wie Rösler die FDP an den Rand der Vernichtung bringt. Ein Kurs, den auch Lindner nicht mehr aufhalten konnte – was ihm wohl jetzt jüngst selbst klar geworden ist.

Lindner wendet nicht Schaden ab von Rösler, er macht die Bahn frei und entblößt Rösler nun vollends.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir Herrn Lindner spätestens nach der nächsten Bundestagswahl wieder an der Front der FDP sehen werden – nachdem auch Rösler spektakulär gescheitert sein wird. Und erst dann hat die FDP vielleicht wieder die Chance auf eine Zukunft. Christian Lindner hat auf jeden Fall das Zeug, das es braucht.

+++ UPDATE +++
Wie und wo man Lindner ideologisch einsortieren darf, zeigt ganz gut sein Gespräch mit Herrn Precht im ZDF. Zu finden bei youtube – diese Stichworte sollten ans Ziel führen: „Richard David Precht Lindner Gerechtigkeit ZDF“. Lohnt sich!