Ich greife mal die Headline einer bekannten Zeitung auf. Ich hätte auch titeln können „Das war’s, Herr Wulff“ – jede der Schlagzeilen der letzten Stunden sind genügend aussagekräftig.

Anfangs war ich wirklich nicht ganz sicher, was ich von dieser ganzen Sache halten sollte. Unbestritten ist natürlich, dass an einen Bundespräsidenten besondere moralische Ansprüche gestellt werden. Bei weitem nicht jeder Mensch – nicht jede Persönlichkeit – eignet sich für dieses Amt.
Abgesehen davon, dass ich Wulff von Anfang an als schreckliche Fehlbesetzung gesehen habe, konnte ich aber nicht viel mehr an ihm aussetzen, als dass ich ihn schlicht für farb- und ideenlos sowie untauglich hielt, als Vorbild und Geber für wirklich wichtige und treffende soziale wie politische Denkanstöße zu dienen. Wulff wirkte von Anfang an auf mich protokollarisch fleißig und gänzlich profillos. Niemals hätte er ein Gesetz kritisch hinterfragt, das die Kanzlerin ihm zur Unterschrift vorlegt. Niemals hätte er kritische Töne gewählt gegenüber Merkel. Er sollte von Anfang an schlicht funktionieren.
Diese protokollarische Funktionalität (und mehr war es nie) beruhte dabei zu großen Teilen auf seinem Image als Saubermann.
Wulffs Gebaren aber in den letzten Wochen und sein ganzer Umgang mit sich selbst und mit der Öffentlichkeit grenzt an Geisteskrankheit.

Man darf sich das auf der Zunge zergehen lassen. Ein Ministerpräsident sagt auf explizite Nachfrage nur die halbe Wahrheit. Er verschweigt ganz bewusst einen Teil, der durchaus in die Antwort gehört hätte – unter „anständigen“ Menschen (Tja, CDU halt). Später wird er Bundespräsident. Spätestens hier hätte es ihm vielleicht mal dämmern können, dass dies der letzte ein ganz geeigneter Zeitpunkt wäre, mit dieser schmierigen Geschichte aufzuräumen. Diese Chance hat er versäumt. Nebenbei bekommt er nach der durch ihn unterstützten Rettung von Porsche „als Dank“ von der BW-Bank einen Kredit zu wahnwitzigen Konditionen. In einem Forum hab ich heute die Meinung eines Lesers gesehen, der allen Ernstes meinte, manche Menschen hätten nun einmal eine bessere Bonität als andere und könnten aus diesem Grund eben bessere Bedingungen erhandeln. Das ist gleichermaßen richtig, wie himmelschreiend widerwärtig – führt aber an dieser Stelle vom Thema weg und sollte mal gesondert behandelt werden.
+ Update 2 + Allerdings verkörpert dies auf wunderschöne Weise die Struktur unseres heiß geliebten Kapitalismus/Demokratie/Korruptions-Geschnacksels. +
All dies ist für Herrn Wulff keineswegs unrechte Handlung oder unbillig oder dergleichen. Er ärgert sich heute nicht darüber, was er getan hat, dass er sich unlautere Vorteile erschlichen hat oder dass er seinen Landtag bewusst mit einer dreisten Halbwahrheit abgespeist hat. Er sieht sich sogar tatsächlich noch im Recht mit seiner Begründung, dass er schließlich nicht explizit nach einem Geschäftsverhältnis mit Frau Geerkens gefragt worden sei, sondern lediglich nach einem zu Herrn Geerkens. Und das meint dieser Mann so. Schon hier hat er in seiner Rolle als moralisches Vorbild dieses Landes komplett verspielt. Was will diese Bundesrepublik mit einem dermaßen durchtriebenen und gleichzeitig so fürchterlich kurzsichtigen Trickser als Bundespräsident?
Aber es kommt ja sogar noch besser. Erst wird bekannt, dass der Kredit bei der BW-Bank nun plötzlich zu neuen Konditionen läuft – „normalen“ Konditionen, kann man sagen. Konditionen, die Herrn Wulff etwa 250.000 Euro kosten. Geld, dass er andernfalls als Vorteil gegenüber „normalen“ Kunden (mit weniger ausgeprägter Bonität) hätte behalten können. Der feine Herr biegt im Hintergrund die Dinge etwas um, offenbar in dem Glauben, seine Angriffsfläche zu reduzieren. Nachträglich. Weil er erwischt wurde. Er trickst abermals. Und er fühlt sich auch hier tatsächlich abermals im Recht. Unglaublich.
Und die Krönung des Ganzen ist jetzt, dass Herr Wulff ganz offenbar am Vorabend des ersten Berichts in der deutschen Propaganda-Zeitung Bild eben dort angerufen hat, mit der Absicht, diesen Bericht zu verhindern. Als Mittel dienten hier unter anderem Drohungen. Kriegsdrohungen. Gegen die Pressefreiheit. Man mag von der Axel-Springer-Kotze halten, was man will, aber das ist ein derart ungeheuerlicher Vorgang… ein Bundespräsident greift mutwillig und in voller Absicht in die Pressefreiheit ein. Und auch hier fühlt er sich wohl abermals im Recht und findet es obendrein äußerst lästig, dass diese Presse ihn auch hier überführt hat und diese Öffentlichkeit nun immerzu den Kopf über ihn schüttelt.

Das Maß ist seit langer Zeit weit überschritten. Jeder weitere Tag, den Herr Wulff als Amtsträger des höchsten Staatsamtes vergehen lässt, macht ihn selbst ein Stückchen lächerlicher und beschädigt das Amt, das er noch innehat, ein Stückchen mehr. Und das absolut Einzige, was seine öffentliche Reputation jetzt noch annähernd vor dem totalen Absturz bewahren könnte, wäre die Diagnose einer Geisteskrankheit. Eine, die nachweislich seine Wahrnehmung, seine Selbstwahrnehmung und seine moralische Urteilsfähigkeit nachhaltig beschädigt hat.
Aber Deutschland darf sich einen Mann nicht als Staatsoberhaupt leisten, der einerseits eine solch bizarre Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit hat, dabei sowohl schäbig trickst und obendrein so schrecklich kurzsichtig ist und so ohne jegliches politisches Gespür. Herr Wulff ist in Gänze persönlich, charakterlich und moralisch ungeeignet für dieses Amt.

+++ UPDATE +++

Jetzt fällt mir gerade ein Zitat in die Hände von einem Mitglied der Bundesversammlung, das Wulff damals seine Stimme gegeben hat: „Ehrlich gesagt schäme ich mich gerade, dass ich Herrn Wulff meine Stimme gegeben hab. In allen drei Wahlgängen.“
Erkenntnis ist auch spät nicht schlecht. Echt doll, was Mutti euch so alles vorkaut, was, liebe CDUler?
…aber was lamentiere ich? Es ändert sich doch sicher wieder nichts.