Ein Tag mit der Deutschen Bahn. Wenn ich diese Image-Werbung sehe von dem Verein, wie toll und entspannend doch das Bahnfahren ist gegenüber dem Auto – dann denke ich einfach immer an die unzähligen Tage wie heute. Eine kleine Chronologie:

08:23 Startbahnhof. Die Regionalbahn fährt fast planmäßig (+3 Minuten) los und zuckelt vor sich hin. Ich habe einen Sitzplatz in einem Vierer in einem Abteil mit sechs solcher Vierersitze. Es herrscht schon jetzt sengende Hitze, drei der sechs Fenster lassen sich öffnen und sind dies auch. Viel Fahrtwind kommt bei dieser wahnsinnigen Geschwindigkeit aber nicht auf.

08:26 Nächster Halt. Eine riesengroße Schulklasse steigt hinzu. Es sind bestimmt 30 Kinder – so um die 12 oder 13 Jahre alt. Alle kommen sie in mein Abteil, in dem in jedem der sechs Vierer schon jeweils eine Person sitzt. Ich höre durch die Musik meines iPods eine Lehrerin sagen „Alle in ein Abteil“. Sauber. Es quetschen sich alle 30 Kinder sowie die Lehrer in dieses Abteil.

08:27 Der Zug ist wieder in Bewegung und die offenen Fenster lassen neben kühlem Wind auch etwas Lärm herein. Eine Lehrerin weist ihre Schüler (die sich teilweise zu dritt und viert auf den Zweierbänken tummeln) an, alle Fenster zu schließen – das sei ihr zu laut. Dass die Kinder allein schon einen Lärmpegel verursachen, der eines Luftangriffs im dritten Weltkrieg würdig wäre, scheint ihr nicht aufzufallen. Meine Musik höre ich schon lange nicht mehr, trotz inzwischen fast voller Lautstärke.

08:28 Alle Fenster sind zu und man kann die Temperatur sekündlich steigen spüren. Inzwischen sind es sicher 30 Grad.

08:29 Nächster Halt. Eine große Schulklasse steigt hinzu. Bestimmt 30 Schüler. Sie verteilen sich auf den Gang in meinem Abteil und den Zwischengelenken des Zuges. Sie sind um die 15 bis 16 Jahre alt. Und auch sie sind laut. Weil jeder der Coolste ist. Vor allem der, der von den meisten anderen gehört wird. Die Fenster sind noch immer geschlossen.

08:30 Inzwischen schätze ich die Luft auf etwa 35 Grad, mit 100% Luftfeuchtigkeit… eher 120. Ich höre die abstrusesten Gespräche mit an. Allerdings nicht so in „meinem“ vierer. Denn zu mir haben sich fünf türkische Mädchen gesetzt, jede mit Smartphone und Glitzerhandtasche und ganz grauenhaftem Outfit. Und sie können offenbar kein Deutsch. Dafür können sie die Sprache, die sich sprechen, sehr gut. Und laut.

08:31 Noch ein paar Minuten länger und es setzt mit Sicherheit partielle Kernfusion ein, so heiß ist es inzwischen. Einer der Lehrer checkt die Lage plötzlich und beschwert sich, wie schrecklich heiß es doch sei und dass die Kinder doch verdammt nochmal die Fenster aufmachen sollen. Mit einem Schlag entweichen riesengroße Massen Energie ins Universum und alle Frisuren der Mädchen werden mit einem Schlag zerstört. Den entsprechenden Lärmpegel des Protests kann ich nicht beschreiben. Es folgt eine Anpassung der geöffneten Fenster, man kann sich aber nicht so recht entscheiden, was jetzt besser ist. Dass man dabei halb auf mir rumtrampelt, lasse ich einfach mal gönnerhaft über mich ergehen… Drecksblagen!

08:35 Nächster Halt. Eine große Schulklasse steigt hinzu. Bestimmt 30 Schüler. Sie verteilen sich in den Zwischenräumen zwischen allen anderen Schülern im Gang meines Abteils und den Zwischengelenken des Zuges. Sie sind um die 17 bis 18 Jahre alt und alle einfach mega cool. Immerhin sind sie nicht so laut.

08:36 Zwanzig der fünf Mädchen in meinem Vierer haben angefangen, zu ihrer Musik aus ihren Smartphones zu singen. Vielleicht sind es auch dreißig von ihnen. Oder vierzig. Glücklicherweise singen sie nicht das selbe – auf Langeweile hab ich nämlich keine Lust heute. Und ebenfalls glücklicherweise lassen sie sich dabei von den Lautsprechern ihrer Smartphones begleiten – damit sie wissen, wie das Lied eigentlich richtig geht. Wobei die Definition „Lied“ eigentlich für Musik gilt – aber ich möchte jetzt hier kein Fass aufmachen über türkische… „Musik“. Außerdem waren zwischendurch auch Rihanna, Jay-Z und Usher dabei. Also eine gänzlich musiklose Vorstellung.

08:43 Nächster Halt. Eine große Schulklasse steigt hinzu. Bestimmt 30 Schüler. Sie verteilen sich… ehrlich gesagt hab ich keinen blassen Schimmer, wo die sich noch reingequetscht haben sollen. Sie waren so um die 14 bis 15 Jahre alt. Und entgegen ihrer langweiligen Vor-Einsteiger immerhin wieder entsetzlich laut. Aber die Erstzusteiger in meinem Abteil und meinem Vierer kann ohnehin niemand mehr übertreffen. Unglaublich, wie laut Mädchen in dem Alter sein können.

08:49 In den letzten Minuten ist absolut nichts außergewöhnliches passiert. Es ist nach wie vor entsetzlich heiß, unglaublich laut und ich fühle mich unglaublich eingeengt mit sechs Leuten in meinem Vierersitz. Ich hasse diese Lehrerin!

08:54 Ich muss aussteigen. Besser gesagt darf ich es. Aber das muss man erstmal hinbekommen. Ich muss mich von meinem Fensterplatz befreien, über zweihundert Beine steigen, die kaum Anstalten machen, für ein bisschen Platz zu sorgen. Scheint in der Schule noch nicht Thema gewesen zu sein, dass Leute nicht dort hergehen können, wo andere schon sind – und dass das in einem Zug doof ist, in dem man, wenn man aussteigen möchte, nunmal zur Türe muss. Ich kann erstaunlich lange meinem Drang widerstehen, einfach durchzugehen wie ein Schneepflug… oder ein Eisbrecher.

08:56 Ich habe es tatsächlich aus diesem Zug geschafft. Ich fühle mich, wie der einzige Mensch in der Sahara, so viel Platz habe ich plötzlich – also im Vergleich.

15:00 Die Regionalbahn fährt exakt planmäßig ab und zuckelt vor sich hin. Es ist un-er-träg-lich heiß im Inneren. Und der Zug ist dermaßen voll, dass alleine der Gedanke an einen Sitzplatz absolut absurd ist. Ich stehe also. Ist ja auch nichts Neues.

15:15 Der Zug hält an einem Bahnhof. Ich stehe noch immer. Viele steigen aus, irgendwie aber noch mehr wieder ein. Ich stehe also weiterhin.

15:20 Der Zug steht noch immer. Genau wie ich. Außerdem wird es wärmer.

15:25 Der Zug steht – genau wie ich – immer noch auf der Stelle. Die Motoren scheinen immer mal wieder anzulaufen und mein Gleichgewichtsorgan rechnet jedes mal damit, dass der Zug sich in Bewegung setzt. Tut er aber nicht. Ich auch nicht. Ich bleibe auch stehen.

15:30 Im Zug nichts Neues.

15:35 Es folgt eine Durchsage. Aufgrund einer Störung im Bahnübergang kann dieser Zug vorerst nicht weiter fahren. Ich stehe weiterhin. Allerdings steigen jetzt viele Leute aus. Aber ebenso viele wieder ein. Es ist verrückt.

15:40 Ich werde langsam etwas genervt. Denn der Zug steht noch immer, obwohl noch immer regelmäßig die Motoren anlaufen und wieder ausgehen. Anlaufen und wieder ausgehen. Es tut sich nichts. Inzwischen steht der Regional-Express auf der Anzeigetafel. Wir stehen also nun schon fast eine halbe Stunde in der prallen Sonne. In einem Zug ohne Klimaanlage. Ich stehe noch immer.

15:45 Mein Geduldsfaden reißt plötzlich. Ich greife mir meine Tasche und steige aus dem Zug, um mal wieder Luft zu atmen. Und um zu schauen, was die Anzeigetafel so zeigt.

15:45:01 Die Türen des Zuges schließen sich. Der Zug fährt los.

15:45:02 Einen Moment lang überlege ich, ob ich mich nach der verteckten Kamera umsehen soll…

15:45:03 Einen Moment lang überlege ich, ob es jemanden stört, wenn ich laut kreischend die Scheiben des Zuges einschlage, die ich noch zu fassen kriege, ehe er den Bahnhof verlassen hat.

15:45:04 Einen Moment lang überlege ich, ob ich etwas in meinem Rucksack habe, das man werfen kann…

15:45:05 Einen Moment lang überlege ich, ob ich etwas in meinem Rucksack habe, womit man die Schuldigen für diese unglaubliche Situation alle gleichzeitig tasern kann.

15:45:06 Ich realisiere, dass ich weder einen Taser, noch einen Baseballschläger, noch eine doppelläufige Pumpgun, noch eine Atombombe dabei habe und sehe ein, dass ich gerade niemandem der es verdient hätte, Schmerzen zufügen kann. Also mache ich das einzig sinnvolle: ich bleibe stehen.

15:45:59 Die Rücklichter dieser Regionalbahn sind so dermaßen hässlich. Pfui. Dreckszug. Außerdem hat’s da drin auch gestunken. Bin ich froh, dass diese scheiß Bahn weitergefahren ist.

15:50 Der Regional-Express hat Verspätung. Eigentlich sollte er um 15:43 kommen.

15:55 Der Regional-Express erscheint am Horizont. Ich bleibe stehen.

15:57 Der Regional-Express hält fast planmäßig (+14 Minuten) – allerdings sind die Türen genau dort, wo ich am Bahnsteig stehe, defekt. Ich gehe den halben Zug entlang und bin daraufhin somit der letzte, der einsteigt. Ich stehe.

16:02 Der Zug fährt ebenso fast planmäßig (+19 Minuten) dann auch wieder los. Ich stehe weiterhin und kann wegen etwas beengter Platzverhältnisse auch nicht nach draußen gucken. Etwas, was meinem gerade heute etwas geplagten Gleichgewichts- und Kreislaufsystem (auch wegen der gefühlten 100 Grad) weniger gefällt.

16:10 In Rekordzeit hat der Regional-Express meinen Zielbahnhof erreicht. Ich schäle mich unter großer Anstrengung aus der Masse an Menschen heraus und falle erschöpft und sehr viel später als gedacht auf den Bahnsteig. Aber ein leiser Hauch des Triumphs durchströmt mich. Denn die Regionalbahn am Gleis gegenüber ist noch nicht da… Die Bahn ist einfach toll™