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Gepostet by on Okt 30, 2006 in Ausraster, Bildung, Gesellschaft, Universität | Keine Kommentare

Spaßgesellschaft

Spaßgesellschaft

Hallo liebe Leute,
es ist nun etwas her, dass ich zuletzt hier etwas geschrieben habe. Und heute möchte ich mal versuchen, mein Wochenende verbal zu verarbeiten. Mir ist da nämlich mal wieder so manches aufgefallen.
Aber ich beginne mal am Anfang.
Wie jedes Semester wurde die obligatorische Mensaparty „Le Debut“ der Kölner Universität veranstaltet. Im Vorfeld der Party findet schon beinahe rituell der Nahkampf um die Karten im Vorverkauf statt. Zig tausende Studenten stellen sich teilweise einige Stunden vor Start des Verkaufs in klaustrophobische „Schlangen“, stets bemüht, mittels aggressiver Anstelltaktik möglichst die ersten Karten ergattern zu können. Ich erinnere mich an Zeiten, als man an diesen Tagen in eben jenen Schlangen nette Konversationen mit überaus netten jungen Damen führen konnte – quasi als vorgezogene Partyplauderei… diese Zeiten sind offenbar vorüber. Alles was geblieben ist, ist ein brutaler Nahkampf ohne Platz zum Atmen – geschweige denn zum kommunizieren.
Dieses Jahr habe ich mich aus der Schlacht herausgehalten. Schließlich sollte man das Vitamin B nutzen, wenn es einem zur Verfügung steht. Ich hatte also trotzdem meine heiß ersehnte Karte – eine der dümmsten Investitionen meines jungen Lebens – aber dazu später mehr.
Die Woche verstrich und der besagte Abend kam. Es war Freitag und die Sonne machte Platz für eine graue Dämmerung.
Irgendwann um Mitternacht hatte auch ich mich dann auf den Weg gemacht. Ich erreichte den Zülpicher Platz (ca. 5 Minuten zur Uni-Mensa) und machte mich nun zu Fuß auf in Richtung Party. Abgesehen von den völlig betrunkenen, kontrolllos hin und her schwankenden Massen, durch die ich mich durchwühlen musste, wich ich auf meinem wirklich recht kurzen Weg mindestens fünf großen, meist mittig auf dem Gehweg platzierten Pfützen aus Erbrochenem aus – und ein leiser Hass keimte wieder auf in mir… aber noch ging es. Abgesehen davon, dass mir diese Meute aus geistig nicht mehr zurechnungsfähigen, hochgradig alkoholisch vernebelten, rücksichtslosen, sabbernden und kotzenden …Menschen… ganz fürchterlich auf den Sack ging.
Gut, ich hatte endlich die Mensa erreicht und betrat das Gebäude (nachdem ich zweimal gefilzt worden war… ich meine, man kann ja gründlich sein, aber an dem Abend haben sie’s echt übertrieben).
Ich wollte natürlich erst zur Garderobe, was sich aber als wesentlich schwieriger herausstellte, als ich anfangs gedacht hatte.
Zwischen mir und der Tür war eine riesige Gruppe diffus umhertorkelnder, untot dreinblickender Alkoholzombies – einer widerlicher als der andere. Mit Schrecken wanderte mein Blick von einem Gesicht zum anderen, während ich versuchte, mir mit möglichst wenig Aneckung meinen Weg zu bahnen. Die Rückmeldung der Gesichter entsprach immer einer der Kategorien „Ich… muss gleich kotz’n“, „mann, hab ich’n spaahß…“, „…*gröhl*…“, „…*sabber*…“ und nicht zu vergessen „…*gröhlsabberspucklall*…“. Einigermaßen angewidert erreichte ich die Garderobe. Allerdings war ich so unbesonnen und blöd gewesen, mich dem „Ausgang“ der Garderobe zu nähern. Zwar war derzeit nichts los da drin und ich hätte niemanden behindert wenn ich den Ausgang als Eingang missbraucht hätte… die Hüter der Ordnung waren aber an dem Abend offenbar hypersensibel – man versperrte mir also mit einem kackfrechen Blick und einem überlegenen Arm-als-Schranke-Benutzen den Weg.
Für meinen mitleidigen Hundeblick hatte ich leider keinen Nerv mehr und so ließ ich nur ein entnervtes Kopfschütteln zurück und warf mich wieder in die wilde Horde – auf zum „Eingang“ der Garderobe. Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft mir auf den Füßen rumgelatscht worden ist. Die Leute waren einfach zu besoffen, um sich und ihre Bewegung noch einigermaßen kontrollieren zu können.
Ich hatte die Garderobe irgendwann endlich völlig entnervt erreicht und legte Jacke, Strickjacke und Tasche ab. Man registrierte mich offenbar früh und zählte wohl drei Teile (Jacke, Strickjacke, Tasche). Die Strickjacke aber hatte komfortabel Platz in meiner Tasche gefunden, weswegen ich nur zwei Teile abgeben konnte… „Sie hatten doch eben drei Sachen oder nicht?“ wurde ich angezickt. „Jo, aber die Jacke hab ich da reingesteckt“. „Das geht aber eigentlich nicht.“ wurde ich zurechtgewiesen. Aber offensichtlich hatte mein typischer Ben-Anarchie-Blick (durchbohrender Blick mit gesenktem Kopf und unverkennbarer Botschaft in den Augen „Und sonst geht’s noch?“) doch etwas Wirkung und ich bekam ein gnadenvolles „Aber nagut“ und man nahm meine zwei (eigentlich ja drei) Sachen entgegen, knöpfte mir aber großzügigerweise nur für zwei Sachen Geld ab. Auch hier ließ ich ein genervtes Kopfschütteln als Andenken zurück und warf mich wieder in die Party.
Und wohin ich auch blickte, ich sah nur völlig abgeschossene Alkoholleichen, die Mühe hatten, sich anständig zu bewegen oder gar auf den Beinen zu halten. Gut, dachte ich, vielleicht ist das in einer der Musikareas etwas besser.
Ich kämpfte mich also durch zur House-Area. Unheimlich sinnigerweise musste man hierfür durch die RnB-Area… und das für mich, wo ich doch solch ein Freund von Black-Music, aber vor allem von deren Publikum bin. -.-
Nach mindestens vier Beinahe-Schlägereien hatte ich den RnB-Teil dann hinter mir und hatte Mühe, meine Agressionen los zu werden. Aber das Publikum hier stimmte mich wieder versöhnlich.
Es ist ein eklatanter Unterschied. Nebenan beim RnB-Publikum wird man dauernd umgerempelt, von schmierigen, schleimigen Lackaffen blöd angemacht und kriegt die Füße gewalzt. Die latente Agression dort ist fast greifbar.
Hier in der House Area gehen einem die Leute aus dem Weg, wenn man vorbei möchte, man entschuldigt sich, wenn man einen Fuß übersehen hat… ja, man lächelt sogar bisweilen. Die Leute hier scheinen tatsächlich Spaß zu haben. Ich genoss eine Weile die Musik und die – man höre und staune – fröhlich feiernden Leute. Hier hatten die Betrunkenen noch gute Laune und tanzten. Sie lachten und hatten Spaß – sehr beeindruckend und harter Kontrast zum restlichen Publikum.
Nach einiger Zeit war es mir aber irgendwie auch hier zu blöd und ich beschloss, mal woanders hin zu gehen.
Kaum hatte ich die Area hinter mir, sah ich auch niemanden mehr lächeln. Man tanzte zwar, und man machte sich auch baggernderweise (flirten konnte man das leider schon lange nicht mehr nennen) an andere ran… aber all das glich mehr einem Kampf, denn sowas wie Spaß. Und manche Leute hatten wohl nur das eine Ziel, sich schnellstmöglich und nachhaltigst mit Alkohol völlig zu vergiften.
Ich möchte an dieser Stelle kurz erwähnen, dass ich für mich als Indikator zur Messung von Fröhlichkeit von Menschen das Lachen der Augen auserkoren habe. Und von den ganzen wandelnden, vulgär rumbaggernden, sabbernden Schnapsleichen hatte nicht einer auch nur das allergeringste Lachen in den Augen.
Ich gab schließlich meiner tiefen Abneigung nach, holte meine Sachen in der Garderobe ab und verließ so schnell wie ich konnte, die Party. Kaum draußen brauchte man nur nach rechts und links zu gucken und man fand unweit des Ausgangs kotzende …ähm…Menschen… mann, was müssen die einen Spaß an diesem Freitag gehabt haben. Tja, vielleicht definieren manche dieser …Menschen… Spaß auch anders als ich. Vielleicht finden es machne Menschen toll, die Selbstkontrolle zu verlieren, sich zum Affen zu machen, nicht mehr gerade gehen zu können, zu sabbern, Scheiße zu lallen (aber das ist ja nicht schlimm, wenn einen eh niemand mehr versteht), und irgendwann mitten in den Weg zu kotzen – am besten noch mit Selbst- oder idealerweise Fremdbeschmutzung.
Also soviel Erbrochenes wie an diesem Abend hab ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen.
Und ich war soo froh, endlich die Straßenbahn erreicht zu haben, als auch am Bahnsteig jemand mit seiner Beherrschung ringend schließlich den Kampf verlor und lauthals mitten neben die Bank kotze.
Der Grad meiner Anwiderung an diesem Abend war kaum noch zu erhöhen, doch es sollte noch besser werden. Denn als ich schließlich in der Bahn war, wollte ich mich gerade setzen, als ich im letzten Moment auf dem Sitz eine große gelbe Pfütze sah, der Boden war abermals übersäht mit kleinen Bröckchen und ein breites Rinnsal bahnte sich seinen Weg unter den Sitzbänken her.
Wie selten zuvor wünschte ich mir nur noch eine Türe im Raum-Zeit-Kontinuum, die mich ganz weit weg bringt.
Ich frage mich seither wirklich, ob ich soo anders bin. Stört es niemanden, sich in einer vollgekotzten Stadt zu bewegen, dauernd von stinkenden, lallenden und sabbernden …argh… Menschen… angerempelt und angemacht zu werden? Macht es wirklich Spaß, sich mit Alkohol soweit zu vergiften, bis man selbst einer von diesen Leuten wird? Macht es Spaß, seiner Körperausscheidungen nicht mehr Herr zu sein und unvermitteln anderen Menschen vor die Füße zu kotzen oder in der Straßenbahn los zu pissen??
Wo, frage ich… WO lebe ich hier eigentlich??! Welcher Sadist hat mich hier abgesetzt? Was muss ich in meiner Welt verbrochen haben, dass ich nun hier bin? Scotty, hol mich wieder ab, ich bin hier falsch!
Ein völlig deprimierter und entsetzter Ben.
PS: Die Karte wäre ich vor Betreten der Party sicher noch ganz locker zum mindestens doppelten Preis wieder losgeworden – scheinbar ist solch eine Art Veranstaltung äußerst begehrt…!

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