Pages Menu
Twitter
Categories Menu

Gepostet by on Mrz 18, 2011 in Dilettantismus, Gesellschaft, Hintergrund, Kapitalismus, Medien, Politik, Technik | Keine Kommentare

Politische Folgen des japanischen Atom-Unfalls #2

Politische Folgen des japanischen Atom-Unfalls #2

Und es geht munter weiter… derzeit wird man ja in jeder möglichen und unmöglichen Fernseh-Talkrunde mit mehr oder weniger relevanten Persönlichkeiten bezüglich des Kernenergie-Themas gequält. Leider haben mehrheitlich Personen und Persönlichkeiten mit minder relevanzfähigem Urteilsvermögen die vermehrt relevanten Positionen inne – wie der Vorstandsvorsitzende von E.ON, der doch letztens allen Ernstes mit der Inbrunst der Überzeugung in einem Interview sagte, dass er ebenso wie der Bundeswirtschaftsminister keinen(!) Einfluss auf die Strompreise hätte. Sorry? Was will E.ON dann mit ihm? Normalerweise rege ich mich auf, wenn Menschen völlig unverfroren einfach saudumm sind. Aber diese krasse Dreistigkeit ist schon echt heftig.
Und die Augenwischerei geht munter weiter. Heute war ich Zeuge eines internen Vortrags des Departement of Chemie an einer der größten deutschen Universitäten. Thema: Der Kernreaktor-Unfall von Fukushima unter wissenschaftlichem und chemischen Gesichtspunkten.
Gastredner war jemand vom Bundesamt für Strahlenschutz. Obwohl er auch unter Göbbels ein hervorragendes Bild abgegeben hätte. Denn was dieser Vollidiot da erzählt hat, entbehrt wirklich jedweder Realitätsverbundenheit. Ich bin äußerst beunruhigt aus diesem Vortrag gekommen, nicht aber, weil etwa gesagt wurde, wie schlimm die Katastrophe in Japan sei und wie entsetzlich die Katastrophe für alle Japaner ist, sondern vielmehr, weil eben dies NICHT gesagt wurde. Im Gegenteil wurde das gesamte Thema völlig verniedlicht und verharmlost. Ich frage mich dabei noch immer, ob er glaubt, was er da an geistigem Würfelhusten in die Menge geworfen hat oder ob er vielleicht einer offiziellen Anweisung folgt. Auszugsweise ein paar Zitate (und ja, das hat er ernst gemeint): „Der Tschernobyl-Zwischenfall hat ja – was keiner weiß – nur 30 bis 40 Todesopfer gefordert.“ oder der hier „Den Anstieg von Fällen von Schilddrüsenkrebs in der Ukraine um etwa 8000 konnte man niemals wissentschaftlich belastbar mit Tschernobyl in Verbindung bringen.“ Auf eine Frage aus dem Publikum, wie es mit den 50 Arbeitern weitergeht, wenn man annimmt, dass sie ihre Arbeit erfolgreich beenden können (und unter dem Hinblick, dass sie ja meist tödliche Strahlendosen abbekommen haben) kam dann: „Ach, das wird auch alles völlig übertrieben. Rein statistisch gesehen kann es natürlich sein, dass der ein oder andere der Arbeiter einen Gammastrahl abkriegt, der dann irgendein Erbgut zerschießt und dann kriegt er dann am Ende doch Krebs. Aber normalerweise gehen die Arbeiter nach vollendeter Arbeit duschen, waschen sich die Radioaktivität ab und können wieder nach Hause gehen!“.
Eigentlich hätte ich den Saal längst verlassen müssen, aber ich war zu gebannt von der Unglaublichkeit. Und ehrlich gesagt wollte ich nicht verpassen, was noch alles kommen sollte.
Denn auf eine weitere Zwischenfrage, was denn von der Meldung zu halten sei, dass das Abkühlbecken für Brennstäbe angeblich überfüllt war, kam dann die äußerst überzeugende Einschätzung des Experten für Strahlenschutz (oh… mein… Gott!!!), dass er sich das beim allerbesten Willen ja nun wirklich nicht vorstellen könne. Man könne diese Becken gar nicht überfüllen? Warum? Weil es doch schließlich auch Kontrolleure gäbe, die den Betreibern dann schon einen erzählen würden…
Auch in Deutschland liegen diese Abkühlbecken übrigens außerhalb des Containment (dem inneren Teil eines Kraftwerkes – jenem Teil, der die radioaktive Strahlung von der Umwelt trennen soll. Ein offensichtlich hoch durchdachtes System…). Sie liegen dort übrigens sozusagen „unterm Dach“. Warum? Weil ja schließlich auch ein Kran rankommen muss. Nach unten und zu den Seiten sind diese Becken natürlich hochgradig abgeschirmt – die Arbeiter müssten ja schließlich auch noch durch das Kraftwerk gehen können (also auch durch die Gänge unter und neben diesen Becken).
Zu schlechter Letzt wurde dann noch das Thema „Strahlung“ an sich komplett der Lächerlichkeit preisgegeben. Wer jeden Tag ein Ei esse, sei viel mehr Strahlung ausgesetzt, als Arbeiter in einem Atomkraftwerk (böses Blei-Isotop). Oder wer jede Nacht in einem Abstand von 20 cm neben einem anderen Menschen schlafe, fange sich ebenfalls einen gewissen Beitrag Radioaktivität ein.
Ja, sag mal, geht’s noch?!
Seine Einschätzung, dass für Tokyo keinerlei Gefahr bestehe, nie bestand und nie bestehen wird und dass er die ganze Hysterie nicht nachvollziehen könne, sollte er vielleicht mal persönlich und vor Ort an den Mann und an die Frau bringen. Wieso er nicht selbst im Reaktor hilft – schließlich sei die Gefahr für Gesundheit und Leben der Arbeiter rein stochastischer Natur – hat niemand gefragt.
Ich bin höchst beunruhigt aus diesem Vortrag gekommen. Ich habe zwar nichts gehört, was ich noch nicht wusste – unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten – dafür habe ich etwas äußerst wichtiges gelernt. Vertuschung und Verniedlichung sind Trumpf. Und wie frech und dreist und sehenden Auges vorbei an Tatsachen diese Person da ihre Ansichten verpulvert hat, war schon heftig.
Hätte ich noch einen Restfunken Vertrauen in unsere Politik gehabt, das hätte mir den letzten Rest geraubt. Es ist schlimm und die meisten wissen vermutlich nicht einmal, WIE schlimm.

Best of: +++ Tschernobyl nur 30 – 40 Todesopfer +++ 8000 Fälle von Schilddrüsenkrebs nach der Tschernobyl-Katastrophe nie belastbar mit eben jenem Ereignis in Verbindung gebracht +++ Kühlbecken nicht überfüllbar, da Kontrolleure existent +++ Die 50 Arbeiter am offenen Reaktor sind allerhöchstens statistischer Gefahr ausgesetzt +++

Ich geh jetzt mal kotzen und dann weinen, weil es abseits all dieser politischen Kasperleaufführungen höchster Güte in Japan noch immer viele Tausende und Hunterttausende von Menschen gibt, die entsetzlichem Leid und riesengroßer Angst ausgesetzt sind.
Und Respekt an jene Menschen, die ihr Leben geben im Einsatz am Katastrophenreaktor um dafür zu kämpfen ihr stolzes Land vielleicht doch noch vor dem Untergang bewahren zu können.

Und an dieser Stelle dann noch ein Link, der so ein kleines bisschen die Aussagen mit den Kontrollen zerlegt…:
Focus: Atomare Katastrophe in Japan, Reaktorbetreiber soll geschlampt haben

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: