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Gepostet by on Dez 15, 2012 in Ausraster, Evolution, Gesellschaft, Intelligenz | Keine Kommentare

Durch den Sumpf

Durch den Sumpf

Menschen. Mein Gott.
Erst kürzlich war es mir in einem lichten Moment gelungen, die Tatsache zu akzeptieren, dass auch ich einer von denen bin. So mit Augen, Verstand, menschlichen Bedürfnissen und Wünschen, Fähigkeiten und Limitationen.
Aber heute war es einfach mal wieder zu viel.
Mein Fehler: Samstags in die Innenstadt von Köln zu fahren. Mit der Straßenbahn. Wieso um Himmels Willen bin ich auf diese restlos bescheuerte Idee gekommen? Dabei wollte ich noch nicht einmal IN die Innenstadt. Ich wollte nur DURCH die Innenstadt. Zum Bahnhof. Weil ich nämlich eigentlich aus Köln raus wollte. Raus. Weg. Weit weg. Und jetzt am liebsten so ca. eine astronomische Einheit weit weg. Zum Mars zum Beispiel. Alleine! Eigentlich hatte ich mal vorgehabt, gerne noch ein paar Leute mitzunehmen, als ich vor zweitausend Jahren auf diese Idee kam (eben der Zeitpunkt, als es mir zum ersten Mal auffiel, dass es auf diesem wunderschönen Planeten einfach irgendwie langsam zu voll wird). Aber jetzt – gerade heute – will ich einfach alleine fliegen.

Aber was ist passiert? Eigentlich nichts besonderes, sollte man meinen. Es fing schon damit an, dass die Straßenbahn, die mich zum Naumarkt bringen sollte, irgendwann auf dem Weg eine Gruppe von zehn bis hundert alten Omis aufgenommen hat (Anzahl grob über’n Daumen, gemessen an deren Lautstärke). Die waren wohl alle komplett taub und offenbar dazu übergegangen, sich mittels der Schallwellen, die sie im Bauch spüren, zu verständigen. Dazu muss man natürlich eine gewisse Schall-Leistung erbringen. Und sie waren wohl noch nie in ihrem Leben mit einer Bahn gefahren. Dinge wie Anfahren, Stempeln oder Sitzen waren unglaubliche, unvergleichliche Erlebnisse, die sogleich von jeder der Frauen zeitgleich und akustisch alles dominierend kommentiert werden musste. Natürlich wollte jede der Frauen, dass die anderen gerade ihren Kommentar hören. Was ich eigentlich nur von besoffenen Affen im Anzug des Nachts in den Bahnen und auf den Straßen Kölns kenne (wer am lautesten und dümmsten brüllt, hat Recht), wurde auch von dieser Armee aus Amok-Omis praktiziert. Der erste Moment heute, als ich dachte, dass es jetzt Zeit ist, mich hochzubeamen.

Aber es ging natürlich noch lange so weiter. Am Neumarkt angekommen offenbarte sich einmal wieder das gesamte Grauen vorweihnachtlichen Horrors in den Innenstädten. Dass es überhaupt noch Sauerstoff gab, ist mir ein komplettes und totales Rätsel und sollte ernsthaft mal wissenschaftlich geklärt werden. Und wie man als Horde dummer, atmender und stinkender Tiere einfach mal zu hohl sein kann, zu kapieren, dass man in eine restlos überfülle Bahn nicht einsteigen kann, wenn man die Leute nicht vorher aussteigen lässt, hat sich mir noch nie erschlossen. Und das wird es auch nie. Meine Fresse, die haben doch Augen im Kopf. Wenn man an den beschlagenen Scheiben die plattgedrückten Gesichter sieht, dann KANN man sich nicht auch noch reinquetschen, wenn andere aussteigen wollen.
Irgendwie – ja, ehrlich gesagt kann ich mich schon jetzt nicht mehr so recht daran erinnern (Verdrängung aus Schutz vor Traumata) – habe ich es dann schließlich aus dieser Bahn ‚raus geschafft. Lebend. Nächste Etappe war also nun der Weg vom oberirdischen Gleis zum Unterirdischen. Und ich liebe ja diese Leute, die dann mitten im sich quälend langsam vorwärts schiebenden Strom Richtung Treppe einfach stehenbleiben. Nein, sorry. Ich hasse sie! Ich verabscheue diese brachiale, soziale Dummheit!
Nach einer gefühlten Ewigkeit, Weg-Pirouetten ohne Ende und mindestens zehn Momenten, in denen ich mir so kleine Taschenatombomben gewünscht habe, war ich schließlich auf dem Gleis unten angekommen. Und da scharwenzelten schon wieder diese unverkennbaren Taschendiebbanden umher. Ohne Witz, wenn sich einer von denen auch nur genähert hätte, hätte es Tote gegeben! Aber mein Blick war wohl inzwischen auch meiner Laune entsprechend…
Nun hatte ich es eigentlich gar nicht allzu eilig. Nach Plan hätte ich am Hauptbahnhof locker fünfzehn Minuten Zeit gehabt, diese S-Bahn zu kriegen. Ich hatte mich im Vorfeld sogar ein kleines bisschen darüber geärgert, so lange am HBF warten zu müssen. Mit diesen ganzen Menschen.
Aber das Universum hatte wohl meine Befürchtung erhört und mich davor bewahrt. Die Bahn am Neumarkt kam nämlich einfach nicht. Inzwischen standen auf der Anzeigetafel mehrere Bahnen der selben Linie, mit dem selben Ziel, alle mit der selben Zeit „2 Min“. Und das über zehn Minuten lang. Weiß der Henker, was da wieder los war. Aber langsam wurde ich unruhig.
Die Bahn kam schließlich – und war mindestens doppelt so voll wie die erste Bahn, in die schon keiner mehr reingepasst hatte. Gleiches Spiel wie schon oben. Diese Sauerstoffdiebe scharen sich um die geschlossenen Türen als bedeute es ihr Leben, alle Menschen mit purer Gewalt und durch Schieben und Drängeln am Aussteigen zu hindern. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren ein paar Leute ausgestiegen und ich war drin. Mit ca. minus drei Zentimetern Abstand zu allen anderen (der nächste Astronom, der mir sagt, Schwarze Löcher seien dicht, den Lache ich aus, ehrlich).
Ja, aber die Bahn fuhr nicht. Die Menschen hingen in den Türen, in den Lichtschranken, mit den Füßen, den Armen, den Köpfen halb drin halb draußen. Und als hätte man ihnen just gerade eben in diesem Moment das Gehirn rausgebeamt, verharrten sie aber auch dort. Ohne sich zu rühren, ohne etwas an ihrer Situation zu verändern. Ohne zu realisieren, dass ihretwegen die Türen nicht schließen und die Bahn nicht fahren konnte. Ich wusste natürlich jetzt, wieso zehn Minuten lang keine Bahn gekommen war. Machte es aber auch nicht besser. Und die Zeit raste dahin, Minute um Minute vergingen.
Eine Freundin, die ich zu diesem Zeitpunkt bereits mit einem Live-Bericht dieses Grauens per SMS versorgte, regte kurz an, ich solle das Stück doch schnell laufen.
Die Idee ist nicht dumm. Gäbe es keine anderen Menschen, könnte man das Stückchen Schildergasse und Hohe Straße tatsächlich in fünf bis zehn Minuten zurücklegen. Aber heute war Samstag UND Advents-Wochenende. Da hätte man mir schon mindestens den Flug zum Mars anbieten müssen und selbst dann wäre die Überwindung gewaltig gewesen.
Nun, aber auch diese Bahn fuhr schließlich, nachdem ein paar KVB-Mitarbeiter die inzwischen Hirnlosen aus dem Gestänge der Türen gepflückt hatten. Wie gerne hätte ich noch nachgetreten – aber ich hatte ja keinen Platz. Schon für den Gedanken war es zu eng.
Mit einem neuen Rekord in der Kategorie „wie lange kann man Kohlendioxid-Methan-Schwefel-Kotz-Gas atmen, ohne an Sauerstoffmangel oder Wahnsinn zu krepieren“ war ich dann schließlich am Hauptbahnhof. Und ich hatte sogar noch knapp zwei Minuten Zeit, das S-Bahn-Gleis zu erreichen. Auch hier gilt: an normalen Tagen ein durchaus mögliches Vorhaben. Nicht so heute. Denn wie schon am Neumarkt waren sich auch hier nun unendlich viele dieser Tiere mit Kleidung nicht einmal mehr annähernd im Klaren, wo sie sind oder in welche Richtung sie wollen. Stillstand im großen Stil. Mit Menschen, die aus den Bahnen strömen und drücken, Massen an Humanoiden, die dafür im Weg stehen. Schwachköpfen, die an Rolltreppen stehenbleiben (unten, weil sie sich plötzlich nicht mehr sicher sind, ob es der Sinn ihres Lebens ist, da jetzt hochzufahren und oben, weil sie sich plötzlich nicht mehr sicher sind, ob sie nicht viel eher (unten) darüber hätten nachdenken sollen, ob es wirklich jetzt der Sinn ihres Lebens ist, hier jetzt hochgefahren zu sein). Und dann bleibt auch noch eine dieser Treppen stehen. Und das ist ja der absolute Supergau. Scheinbar ist das sogenannte Gehirn dieses sogenannten (ich LACHE mich tot, ehrlich) Homo saaaaapiens nicht in der Lage, eine auf diese veränderten Rahmenbedingungen adäquat angepasste Lösungsstrategie anzubieten.
Auch hier habe ich Erinnerungslücken. Ich muss dran denken, morgen mal in die Zeitung zu schauen und nach Berichten über Verletzte am Hauptbahnhof heute Ausschau zu halten.
Nun, und wer einmal in Köln am Hauptbahnhof von der einen Seite zur anderen gelaufen ist, wird das kennen. Viele Menschen scheinen den Sumpf da mit einer Einkaufsmeile oder einem Wartezimmer zu verwechseln (gut, Letzteres stimmt ja dank Deutscher Bahn tatsächlich), da wird an Schaufenstern gebummelt, wird rumgestanden, wird unvermittelt die Richtung gewechselt, werden Trollies mit einer Geschwindigkeit mitten durch Durchgänge bewegt, die jedes Faultier vor Neid erschlaffen lassen würde… aber eines gibt es dort nicht – schon gar nicht an einem Adventssamstag: schnelles Durchkommen.
Und so sehe ich dann schließlich beim Erreichen des Gleises (nachdem ich mir unmittelbar zuvor gegen zweitausendfünfhundertachtundsiebzig treppabwärts strömende Menschen einen Weg nach oben gebahnt habe), schließlich noch die wundervoll designten Rücklichter dieser verf!€&ten, pünktlichen S-Bahn.
Rasend und schäumend vor Wut und Abscheu bin ich dann erstmal raus aus dem Bahnhof, etwas Luft atmen. Und um dem ganzen noch den letzten Schliff zu verpassen und meine leicht misanthropischen Tendenzen (die man mir immer wieder andichtet) zu vervollkommnen, stand ich dann unvermittelt in einer dichten, dunkelgrünen Wolke aus Sauf-Furz…

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