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Gepostet by on Jul 7, 2012 in Digital, Kapitalismus, Technik | Keine Kommentare

Blizzard und Diablo 3

Blizzard und Diablo 3

Inspiriert durch einen Blogeintrag bei Just-Stevinho, der seinerseits wiederum auf einen Foreneintrag im hauseigenen Diablo3-Bereich eingeht, habe ich auch ein paar Gedanken zu dieser Angelegenheit.

Wie dort bereits gesagt, hat Blizzard sein Diablo 3 verhunst. Das ist ein ziemlich krasses Statement, aber ehrlich gesagt war auch ich persönlich sehr enttäuscht von diesem Spiel. Hier spielen aber vermutlich mehrere Faktoren eine Rolle. Diablo 1 war grandios, weil es neu war. Ich mochte daran vor allem die Stimmung – diese Düsternis. Und die Musik war grandios, findet sich noch heute in meiner Musiksammlung und wird auch regelmäßig angespielt (so wie ich mir auch immer mal wieder Musik anhöre, die mich beispielsweise an unvergessliche Urlaube erinnert). Diablo 2 war ausgereifter, wesentlich näher am Mainstream – allerdings noch mit deutlichem Abstand. Das ist eine Frage des „Selbstbewusstseins eines Spiels“. Damit meine ich, dass Diablo 2 niemals versucht hat, etwas zu sein, was es nicht war. Und das musste es nicht nur nicht, das war sogar gut so. Weil es auf diese Weise seinen Charakter behalten hat. Allerdings war ich vor zwölf Jahren sogar von Diablo 2 schon ein kleines bisschen enttäuscht. Dieses Neue, diese rohe Düsternis fehlte dort schon. Interessanterweise spiele ich auch heute Diablo 1 lieber als Diablo 2.
Dann war lange Zeit Stille um die Diablo-Reihe. Es gab interne Probleme bei Blizzard – gepaart mit dem Größenwahn, der dank des beispiellosen Erfolgs von World of Warcraft eingesetzt hatte. An World of Warcraft hatte mir persönlich immer die bei Diablo abgeschaute Charakterentwicklung gefallen. Abgesehen davon konnte es trotz seiner unsäglichen Comic-Grafik durch Stimmung überzeugen. Meine große Hoffnung lag aber immer darauf, dass Blizzard sich eines Tages auf die Basis seines einstigen Erfolgs mit Diablo 1 besinnt und wieder ein dunkles Gothic-Spiel baut.
Aber es kam leider alles ganz anders. Wie gesagt, WoW hat Größenwahn verursacht. Erstes Opfer: StarCraft 2. Ich will nicht falsch verstanden werden, StarCraft 2 ist ein wirklich super cooles Spiel. Aber es ist ein StarCraft 1 mit besserer Grafik, nichts weiter. Und der Charme des Vorgängers will sich hier ebenso wenig einstellen, wie dies bei Diablo 2 gegenüber Diablo 1 der Fall ist. Als ich StarCraft 2 gesehen und gespielt habe, hatte ich zum ersten Mal Angst, dass Diablo 3 ebenso „Nichtssagend“ wird.
Und hier ist eines der großen Probleme von Blizzard. Denn StarCraft 2 ist nicht „Nichtssagend“ – ganz im Gegenteil ist es eben ein gutes Spiel. Es gibt ein riesengroßes Problem mit der Erwartung. Und von einem Spiele-Hersteller, der nichts weniger als die größte Revolution Dominanz im Online-Spiele-Markt aller Zeiten ausgelöst hat, erwartet man eben auch nichts weniger, als perfektioniertes Übertreffen aller Erwartungen.
Aber bei Diablo 3 ist es sogar noch schlimmer. StarCraft 2 hat Selbstbewusstsein. Es weiß, was es ist. Es weiß, was es will. Es weiß, wo es steht und es ist stolz darauf – zurecht. Diablo 3 aber ist der Versuch, sich dem Mainstream anzubiedern. Das kann man mit einem Titel wie den Sims machen. Nicht aber mit einem dunklen Titel wie Diablo, dem die Düsternis seine Identität verleiht. Das war Fehler Nummer 1. Weitere Fehleinschätzung – meiner Meinung nach – ist die Einschätzung der Entwickler was die Erwartung der Spieler an das Spielprinzip betrifft. Was auf den ersten Blick und in den ersten Stunden schon echt Spaß macht, nämlich das bunte, laute und massenhafte Niedermähen der Dämonen, wird leider sehr schnell einfach nur stinköde. Blizzard hat sein Augenmerk viel zu sehr auf das Sammeln von Items gelegt. Ja klar, das ist die Essenz von Diablo – eben das Sammeln von Items. Aber man baut einfach keinen Bezug zu diesen Gegenständen auf. Und hier wird das Sammeln dann auch öde. Weil ich nicht in Sammellaune komme, wenn ich keinen Bezug dazu aufbauen kann. Denn außer ein paar roten und grünen Zahlen beim Vergleich gibt es kaum eine Verbindung zum Spieler.
Ich hatte in der Tat Erwartungen an das Spiel. Diese wurden schon am Beta-Wochenende jäh zerstört. „Mein“ Diablo 3 hätte folgendermaßen ausgesehen: Die Grafik deutlich dunkler, weniger weichgezeichnet, KEIN Comic-Stil (dafür gibt’s WoW). Alle Animationen deutlich(!) langsamer. Dieses hektische, kaum nachvollziehbare Rumgefuchtel macht einfach keinen Spaß und versetzt mich wirklich nicht in Fantasy-Stimmung. Wenn mein Barbar seine zwei Meter lange Riesenaxt in einer Sekunde fünfmal um sich selbst wirbelt endet wirklich jeglicher Spielspaß. Das ist übrigens auch ein Grund für die fehlende Bindung, die ich als Spieler mit dem Spiel, der Figur und den Gegenständen eingehen kann. In „meinem“ Ideal-Diablo nähert sich aus der Dunkelheit des Dungeons ein Zombie, langsam – bedrohlich. Der Held hebt die schwere Waffe, holt zum Schlag aus, schlägt. Im echten Diablo 3 vergeht für all das vielleicht eine Sekunde. Das macht keinen Spaß. In „meinem“ Diablo 3 findet man Items generell seltener und magische ohnehin erst viel später bzw. sehr selten. Ich erinnere mich daran, welch kindliche Freude ich damals daran hatte, wenn ich in Diablo 1 irgendwann eine große Axt gefunden hatte. Eine „Weiße“ – ohne magische Eigenschaften. Diese Freude über die „kleinen“ Dinge ist es, die Langzeitmotivation erzeugt. Bei Diablo 3 enden 99% aller von mir gefundenen Items beim Schmied auf dem Amboss als Stäube. Wen soll das denn motivieren? Im Grunde sammelt man nicht mehr Items – vielmehr durchschnetzelt man im Zeitraffer Berge von Monstern, bringt Berge von Müll mit nach Hause und wartet eigentlich nur darauf, dass unter dem Müll irgendwann einmal ein Gegenstand auftaucht, der ein bisschen besser ist als das, was man schon besitzt. Sorry: endlos öde!
Alles in Allem kann ich festhalten, dass Diablo 3 auf sehr krampfhafte Weise versucht, etwas zu sein, was es nicht ist. Und dabei vergisst es leider vollkommen, wo es herkommt. In Diablo 3 ist fast kein Diablo mehr enthalten, es besteht fast nur noch aus „Mainstream“, „Casual“ und „schnellem Geld“. Womit ich zum letzten und wohl gravierendsten Kritikpunkt komme – dem Auktionshaus. Und dass es ein Real-Money-Auction-House gibt, ist hier noch gar nicht einmal das Hauptproblem. Denn Blizzard macht hier einen systemischen Fehler. Was in WoW funktioniert, muss noch lange nicht für Diablo geeignet sein. Zumal Diablo ursprünglich eigentlich ein Singleplayer-Spiel war. Und wieso sollte ich mich auf Itemjagd begeben (abgesehen von den schon erwähnten Schwächen derselben), wenn ich das Item auch im Auktionshaus kaufen kann? Das ist wie Cheaten. Mir hatte Diablo 2 damals keinen Spaß mehr gemacht, als ich den unendlich-Gold-Cheat entdeckt hatte. Da hatte ich plötzlich keinen Grund mehr, weiterzuspielen. Die Begründung von Blizzard, auf diese Weise die Goldverkäufer fernzuhalten, indem man diesen Service einfach selbst übernimmt, ist auf den ersten Blick verständlich und auf den zweiten Blick der Verrat an der eigenen Politik. Denn es zerstört die Basis des Spielprinzips von Diablo. Sich durch externe Quellen einen Vorteil in einem eigentlich geschlossenen Ökosystem eines Spiels zu verschaffen ist eben ein absoluter Motivationskiller. Das wusste auch Blizzard stets und hat es deswegen auch stets verfolgt und sanktioniert. Jetzt selbst auf diesen Zug aufzuspringen ist nichts weiter als Selbstverrat. Blizzard hat Diablo 3 (unter anderem) damit zerstört. Damit und mit etlichen weiteren krassen Fehlentscheidungen im gesamten Produktdesign.

Jetzt zu sagen, Blizzard habe seinen Zenith überschritten, ist vermutlich noch vermessen. Zumal es schon gewisse ökonomische Kunst ist, aus einem Spiel ohne monatliche Einnahmen weiterhin Geld zu generieren. Aber nur noch Spiele ohne eigene Authentizität und Selbstbewusstsein zu veröffentlichen, die nur noch auf das große Geld abzielen ohne Charakter und Selbstverständnis, wird über kurz oder lang keine Zukunft haben. Und ich denke, dass auch Blizzard das spüren wird.

+++ UPDATE +++
Die Detailverliebtheit, die Blizzard einst ausgezeichnet hat, die darin bestand, der Stimmigkeit des eigenen Produktes den letzten Schliff zu geben, hat sich gewandelt in die Detailverliebtheit auch den letzten Cent aus einem Produkt herauszuquetschen. Und das ist – sorry – unsympathisch. Aber das scheint offenbar der übliche Weg zu sein von engagierten, ehrlichen „Kleinen“, die durch ihre Authentizität groß werden. Es gibt hier einige prominente Beispiele. Und ganz ehrlich gesagt gibt es für mich inzwischen keinen Grund mehr, Blizzard-Produkte zu kaufen. Der Charme von einst ist fort, und alles was bleibt, ist der faulige Geruch der Geldgier.

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